Liz Green live in Berlin : Von einsamen Fischen und komischen Onkels

Entwaffnend, anrührend, wunderbar: Das Konzert der Songwriterin Liz Green im Berliner Privatclub.

Volker Lüke
Die Musikerin Liz Green aus Manchester.
Die Musikerin Liz Green aus Manchester.Foto: Pias

Schon seit einigen Jahren zählt Liz Green zu den Geheimtipps am Folkhimmel. Sie folgt einer Erzähltradition, die genussvoll schaurig-morbide Szenarien hervorbringt und ganz unverklemmt altmodisch die Zeiten von Schellackplatten und Grammophon beschwört. 2007 gewann Green damit einen Nachwuchswettbewerb beim Glastonbury-Festival, bevor sie vier Jahre später mit „O, Devotion!“ ihr modrig-süßes Debütalbum veröffentlichte. In diesem Jahr folgte „Haul Away!“, das nahtlos an den Vorgänger anknüpft.
Das Konzert im Privatclub gehört zum Anrührendsten und Wunderbarsten, was einem unter der Bezeichnung Pop vorgeführt werden kann. Getragen von einem beinah kindlichen Charme, der immer wieder in ergreifende Stimmungsbilder umschlägt, zieht die rothaarige Sängerin das Publikum in ihren sanften Bann. Von Beginn an sucht sie den Kontakt, plaudert ohne Unterlass und verhaspelt sich schon mal, so dass es manchmal mehrere Anläufe braucht, bis sie mit dem Intro eines Songs zufrieden ist – nur um erneut abzubrechen, weil sie noch schnell von Onkel Ray erzählen muss, der an einer vielbefahrenen Hauptstraße wohnte und sich wünschte, dass am Tag seiner Beerdigung für einen Moment der Verkehr unterbrochen wird, bevor er zu den Klängen von Tina Turners „Simply The Best“ in die Grube fährt.

Die Stimme von Liz Green erinnert an Billie Holiday

So direkt, so ehrlich und unverbogen, so respektvoll und gleichzeitig entwaffnend im Umgang mit den Zuhörern wie diese Liz Green war schon lange kein Storyteller mehr. Das gilt auch für ihre Schunkelsongs, die manchmal an Tom Waits oder Kurt Weill erinnern und dramatische Schwermut mit schwarzem Humor verbinden – very british. Zwischen Folk, Blues und Chanson angesiedelt, erzählen ihre Lieder private, manchmal reichlich abstruse Geschichten, wie die von dem Mexikaner, der in den letzten 20 Jahren keine Beerdigung in seiner Stadt verpasst hat („Luis“) oder die Legende von Sterling Joe, seiner Frau Oko und ihren zwölf geschlachteten Kindern („Hey Joe“).

Dann wieder geht es um schlechte Medizin und einsame Fische. Während des Singens schon schwimmen die Lieder schimmernd davon, getragen von Greens schummrigem E-Piano, das sie mitunter gegen eine Akustikgitarre tauscht. Begleitet von Saxofon, Kontrabass und einem die Details betonendem Schlagzeuger, ohne großspurige Einzelleistungen geradezu demütig um Greens wundervolle, an Billie Holiday oder Karen Dalton erinnernde Stimme gerankt, die einem immer wieder mitten ins Herz greift. Als Zugabe spielt Green ganz allein „Five Years“ von David Bowie, den sie mal in einer Buchhandlung getroffen hat – der größte Moment in ihrem Leben.

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