Kultur : Lob der Abhängigkeit

Ulrike Baureithel

Kürzlich haben chinesische Gentechniker eine Kreuzung von Mensch und Tier hergestellt, indem sie in dem entkernten Ei eines Kaninchens die Zelle eines Siebenjährigen einsetzten. Ziel dieser makabren Prozedur ist die Gewinnung von Stammzellen. Die Herstellung von sogenannnten Hybridwesen ist nicht nur ethisch bedenklich, sondern birgt auch unabsehbare medizinische Risiken, weil beispielsweise die Gefahr besteht, dass normalerweise nur beim Tier auftretende Krankheitserreger auf den Menschen überspringen. Im übrigen ist die Produktion von Chimären nur eine weitere Drehung in der gentechnologische Spirale, in der Embryonen zu Biomaterial degradiert oder ausgesondert werden sollen, wenn sie nicht den Qualitätsstandards entsprechen.

Im Kern der bioethischen Debatte geht es darum, was den Mensch zum Menschen macht, ob er sich aufschwingen darf über Andere und über deren Existenzrecht entscheiden. Wer sich dabei auf normative Werte bezieht, läuft Gefahr, durch die normative Kraft des Faktischen abgezählt zu werden; und wer sich zurückzieht auf reinen Konsensualismus, setzt sich der Kritik aus, vor den utilitaristischen Begründungszusammenhängen kapituliert zu haben. Ob dabei ethische Prinzipien unter dem Diktum der Freiheit und Selbstbestimmung zurechtgebogen oder eben "nur" an den Erfordernissen des Wirtschaftsstandorts orientiert werden, ist letztlich belanglos. Andererseits: Das Vertrauen in eine das "wahre" Wesen des Menschen offenbarende Moralphilosophie, aus der sich eine einheitsstiftende praktische Ethik ableiten ließe, ist seit der Aufklärung erschüttert. Was tun?

Auf eine ganz andere Weise als die chinesischen Gentechniker nähert sich der amerikanische Kommunitarist Alasdair MacIntyre dem Mensch-Tier-Verhältnis. Bekannt wurde der an der renommierten katholischen Hochschule Notre Dame in Indiana lehrende streitbare Philosoph mit seiner radikalen Kritik an der Subjektphilosophie, die er für den "Verlust der Tugenden" verantwortlich macht. Die thominischen "Tugenden" bewegen auch seinen kürzlich erschienenen Band "Die Anerkennung der Abhängigkeit", der neugierig schon deshalb macht, weil man in dem ehedem linken Verlag kaum katholische Ethik erwartet.

Die versammelten Aufsätze verblüffen zunächst durch ihre thematische Vielfalt: Denn was sollte die "Intelligenz der Delphine" und der Nachweis, dass Tiere sprachfähig sind, mit menschlichen Tugenden zu tun haben? Und warum sollte die angenommene "Weltarmut der Tiere" uns zu einer profunderen menschlichen Ethik verhelfen? Die Beobachtung der Tiere, so der in moderner Verhaltensforschung ebenso wie in philosophischer Theorie beschlagene Autor, vermittle ein besseres Verständnis der menschlichen Wahrnehmung. Er stellt fest, dass die vorsprachliche Kommunikation zwischen Menschen auf eine ähnliche Weise funktioniert wie die Verständigung von Tieren. Diese "praktische Intelligenz", so MacIntyre, rücke uns in unseren Anfängen als rationale Subjekte in die Nähe der Tiere und erinnerten uns an unsere Abhängigkeit und Gebrechlichkeit.

Heideggers Sündenfall

Kein Zweifel, dass sich in dieser Denkfigur Helmuth Plessner und - explizit - Merleau-Ponty begegnen, allerdings weniger in der von Plessner konstatierten konstitutionellen Mängelhaftigkeit des Menschen als vielmehr in der Form sozialer Bedürftigkeit. Der "Sündenfall" der analytischen als auch der Bewusstseinsphilosophie - und hier voran der Heideggers - besteht nach Auffassung MacIntyres in der unversöhnlichen Trennung der Gattungen. Sie war notwendig, damit sich das rationale Subjekt als autonomes aufschwingen und an die Spitze der Entwicklung setzen konnte; den Preis zahlte nicht nur die nicht-menschliche Natur, sondern auch der Mensch selbst, weil er die ihm selbst zuteil gewordene Fürsorge und Lehren vergaß, die ihn befähigte, zu "unabhängiger und praktischer Überlegung" - für MacInryre das Ideal menschlicher Entwicklung - fähig zu werden.

Nun ist auch MacIntyres Betrachtung tierischer Natur nicht frei von anthropozentrischer Spiegelung; doch es geht ihm auch weniger um das Mensch-Tier-Verhältnis als darum, eine "Schuldnerbeziehung" deutlich zu machen, die quasi anthropologisch ins menschliche Sein gelegt ist und die - hier geht er über seinen Gewährsmann Aristoteles hinaus - in den antiken Ethiken und ihren "männlichen" Tugenden geleugnet wird. Wenn eine Gemeinschaft Bestand haben soll, so MacIntyres Deutung, muss sie die nicht strikt-gegenseitige, sondern veränderliche Abhängigkeit anerkennen und sich kooperativ auf auf das gemeinsame "Gute" verständigen. Die Einigung auf "relevante Zwecke" darf sich einerseits nicht aus dem nur individuell Vorteilhaften ergeben, doch das für das Individuum "Gute" wiederum darf auch nicht einer wie auch immer gearteten "dritten Sache" untergeordnet werden. Weil Tiere, Ungeborene und schwer Behinderte dieser auf Gegenseitigkeit beruhenden Moral naturhaft entzogen bleiben, liegt eine herausragende Tugend gerade darin, sich selbst in dieser umfassenden Abhängigkeit zu antizipieren und in den Kindern, Alten und Kranken "erkennen zu können, was wir selbst oft waren, sein werden und jederzeit sein können" - und dies ohne Furcht.

"Lokale Gemeinschaften" und der Staat

Brisant werden MacIntyres zunächst "naiv" erscheinende Auffächerung menschlicher Tugenden - gebündelt in der thominischen "misericordia" und der "beneficentia" -, wo er nach den politischen Bedingungen fragt, innerhalb derer die Form soziale Beziehungen gelebt werden könnten. Denn hier offenbart er sich auch als Kritiker des Kommunitarismus: Weder redet er der derzeit wieder in Mode gekommenen Familie das Wort (obwohl er zugesteht, dass viele dieser Tugenden im Rahmen der Familie eingeübt werden können), noch glaubt er wie viele seiner kommunitaristischen Mitstreiter, dass die Politik des Staates einfach mit "den Partizipationsformen lokaler Gemeinschaften" angereichert werden könnten. Er behauptet sogar, dass der "Schutz einer lokalen Gemeinschaft niemals guten Gewissens allein in die Hände staatlicher Einrichtungen gelegt werden sollte".

Statt einer pluralistischen "Politik der konkurrierenden Interessen", wie sie für den Staat typisch ist, setzt MacIntyre auf die "lokale Gemeinschaft" und die sich in ihr realisierenden Freundschaftsbeziehungen. Denn die Empathie und Großzügigkeit, die es bedarf, die Bedürfnisse der Abhängigen zu befriedigen, setzt bereits existierende Freundschaften und Beziehungen voraus und eine Haltung der Achtung, die sich aus der Anerkennung eigener Gebrechlichkeit ableitet. Im Unterschied etwa zu Jeremy Rifkin definiert MacIntyre "Zugang" dabei als die Teilhabe an Netzwerken, in denen das nicht strikt gegenseitige Geben und Nehmen kultiviert wird. Dass er damit "utopische Maßstäbe" setzt, die in der katholischen Soziallehre ebenso ihr Fundament haben wie im utopischen Sozialismus, ist MacIntyre durchaus bewusst.

Dabei ist MacIntyres "Utopie" aufgeladen mit der voraufklärerischen Tradition, in der sich Philosophie noch der praktischen Lebensbewährung auszusetzen hatte. Dies macht die Stärke des Autors aus, weil er die Philosophie ihrer gegenwärtigen nur auf konsensualistische Aushandlung und Regulation beschränkte Aufgabe enthebt und ihr ihren angestammten Platz zurückgibt. Seine unleugbare Schwäche liegt in der raunenden Vagheit "vorsprachlicher" Sphären und der Verpflichtung auf die "Gemeinschaft", die kritische Außenperspektive versagt. Wo auf der Folie einer Tugendlehre das "Ganze" beschworen wird, bleibt Skepsis angesagt.

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