Kultur : Lob der Einsamkeit - Valéry Afanassiev am Piano

Jörg Königsdorf

Es gibt Pianisten, die spielen vor allem für Andere. Und es gibt Pianisten wie Valèry Afanassiev, die auch in den größten Konzertsälen immer nur für sich selbst spielen und das hörende, hustende und immer zu voreilig klatschende Publikum nur als wegzudenkende Zaungäste dulden. Bis auf den letzten Platz besetzt ist der Kleine Saal des Konzerthauses bei Afanassievs Klavierabend, und doch scheint es von Anbeginn, als sei eine unsichtbare Mauer zwischen Bühne und Saal gezogen, als würden Interpret und Werk eine private Zwiesprache halten, die niemanden etwas angeht. Er würde in Bachs Präludien den ganz normalen Morgen wiederfinden, mit Fernsehberieselung und ohne Milch im Kühlschrank, schreibt Afanassiev in seiner im Programmheft abgedruckten "Hommage an Bach".

Auch die Tanzsätze der beiden Bach-Suiten, der fünften französischen und der fünften englischen, spielt er wie Momentaufnahmen aus dem Alltagsleben, ein Bündel akustischer Polaroids, die beim Betrachten unterschiedlichste Erinnerungen wecken: Da klingt es, als ob ein Kind in der Klavierstunde sitzt und artig seine Allemande klimpert, wird die Schlussfloskel der Loure zum täppischen Abzählreim und mutieren Couranten und Giguen zu harschen, schwarzen Schmerzmomenten, deren kompromisslos harte Rhythmik fast physisches Unbehagen bereitet.

Afanassievs Bach ist Musik für Einsame. Unter Umgehung der eher publikumszugewandten Sonaten Mozarts und Haydns hört sie dort auf, wo Beethovens späte Sonaten beginnen. Die Wahl von opus 109 und opus 110 für die zweite Programmhälfte gewinnt so zwingende Konsequenz: Ein stufenweiser Abstieg ins Innere, die in beiden Sonaten in Final-Sätzen von faszinierender Ruhe mündet. Hier, wo alles Äußerliche abgeschüttelt ist - im Variationsthema "molto cantabile ed espressivo" der Sonate opus 109, in den von fast übermenschlicher spiritueller Kraft getragenen Akkorden, die in opus 110 vom Rezitativ ins Arioso führen -gestattet sich Afanassiev auch Schönheit, läßt die Töne singen und leuchten - und erreicht einen Schwebezustand, bei dem sich Raum und Zeit verwischen: Trotz ihres strikten formalen Verlaufs, trotz Variation und Fuge scheint die Musik längst in eine andere Sphäre zu transzendieren. Und das Publikum darf dabei sein. Staunend, atemlos.

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