Kultur : Lob der Hirnsuppe

Rainer Moritz

Große Literatur kümmert sich nicht darum, was angesagt ist. Wer für die Nachwelt schreiben will, löst sich vom Mainstream und von dem, was Creative-Writing-Schulen, Matthias Horx oder Norbert Bolz für zeitgemäß und zukunftsorientiert halten. Natürlich gilt das auch für großen Journalismus.

Nehmen Sie mich: Ein Leichtes wäre es, diese Zeilen dafür zu nutzen, das mit lockerer Feder zu beschreiben, was ohnehin von allen Seiten in die Köpfe der geneigten Leserschaft gepustet wird. Spargel zum Beispiel – darüber schriebe es sich fast von selbst, über die Freude, dass die herrlich weißen Stangen aus der Mark Brandenburg oder der Lüneburger Heide endlich wieder die Speisekarten bevölkern. Da ließen sich sachkundige Bemerkungen über die erotische Ausstrahlung des Gemüses einstreuen, und auch die alte Frage nach der korrekten Verzehrungsart des Spargels (Messer, ja oder nein?) würde gut und gern fünf gedankenreiche Sätze abwerfen. Und en passant könnte man die Erderwärmung anführen und davor warnen, nicht schon Anfang Januar auf erste Spargelstangen zu hoffen.

Oder Sabine Christiansen, Gabriele Pauli, Second Life, Hertha BSC Berlin, Papst Benedikts „Jesus“-Bestseller, Stromberg ... das alles wären Themen, mit denen ich auf den ersten Blick punkten könnte. Kennt jeder, hat jeder eine Meinung zu. Doch mit großem Journalismus hat das nichts zu tun. Ein Beispiel dafür? Auf 380 Artikel über Stangenspargel kommt so gut wie keiner, der sich mit Lungenhaschee oder Hirnsuppe befasst. Selbst Wolfram Siebeck, der alle Innereien mit Herzblut – wenn Sie diese kühne Metapher erlauben – publizistisch begleitet, lässt Lungenhaschee und Hirnsuppe links liegen. Was zwangsläufig dazu führen wird, dass das – zugegeben nicht immer appetitlich anzusehende – Lungenhaschee selbst in Pasewalk irgendwann aussterben wird, und dann werden die Menschen tagtäglich Spargel zu sich nehmen müssen, so lange, bis sie sich vor flüssiger Butter, Sauce Hollandaise und Katenschinken ekeln.

Auch die Hirnsuppe, die meine Mutter mit Liebe auf den Mittagstisch zauberte, führt heute ein Schattendasein. Obwohl man ihr, sofern der Hirnbatzen fein püriert wird, die Hauptzutat gar nicht mehr ansieht. Das hat damit zu tun, dass wir verwöhnten deutschen Esser mit Vorurteilen gegenüber Innereien behaftet sind. Und ist es nicht die Aufgabe des großen Journalismus, gegen Vorurteile anzukämpfen, unbeirrbar? Denken Sie bitte daran, und überblättern Sie alle Spargelglossen und Spargelkolumnen, die Ihnen in den nächsten Wochen zugemutet werden.

„Aufschlag“ erscheint jeden Montag. schreibt im Wechsel mit Moritz Rinke.

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