Kultur : Lob der Krise

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Von Lothar Schäfer

Karl Raimund Popper ist uns vor allem mit seinen Ideen zur politischen Philosophie präsent. Das zeigte sich in den Reaktionen auf den 11.September, den man weithin als fundamentalistischen Angriff auf die Werte der offenen Gesellschaft verstand. Mit seinem zweibändigen Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ hatte der am 28. Juli 1902 in Wien Geborene einen Beitrag zum Kampf gegen den Faschismus leisten wollen. Hitlers Einmarsch in Österreich und nicht zuletzt der Hitler-Stalin-Pakt motivierten ihn, sich der politischen Philosophie zuzuwenden, nachdem er sich bis dahin mit Wissenschaftstheorie beschäftigt hatte. Mit seiner „Logik der Forschung“ (die nun im Verlag Mohr Siebeck in einer preiswerten Jubiläumsausgabe erscheint), war er 1934 zu Anerkennung gekommen.

Der Ausbruch des Krieges bestärkte ihn in seiner Umorientierung. Während Popper in Neuseeland an seinem neuen Buch schrieb, behielt er die Adressaten in Europa im Auge. Die Stimme der Vernunft sollte sich wieder einmischen in die Politik. Dabei spekulierte Popper auf einen Neubeginn nach dem Zusammenbruch des Faschismus.

Als das Buch 1945 in London erschien, erntete es scharfe Kritiken. Denn Popper brandmarkte Platon, Aristoteles, Hegel und Marx als falsche Propheten einer Staatsdoktrin, bei der das Individuum zu kurz käme. Bei allen diagnostizierte Popper einen Kult des Allgemeinen, auf dessen Altar die Grundrechte der Menschen geopfert würden. Prompt fielen die Verteidiger der großen Philosophen über Popper her. Dabei ging es ihm doch vor allem um Warnungen an die Bürger Europas. „Die Probleme des Werkes sind die unserer eigenen Zeit – auch dort, wo es in die Vergangenheit zurückblickt", hatte er vorausgeschickt. Vernunft sollte sich vor allem in Form von Kritik äußern, nicht in der Faszination durch das Große und Mächtige. Das Schlimmste wäre eine fatalistische Unterwerfung unter den Gang der Geschichte.

Trotz ihrer negativen Rezeption fanden Poppers Ideen Verbreitung weit über die Grenzen akademischer Gelehrsamkeit hinaus. Ja, die Kritiken trugen ihm sogar Reputation ein: So wurde er 1946 an die London School of Economics berufen und im angelsächsischen Raum zunächst als Sozialphilosoph und politischer Kritiker diskutiert. Erst als die „Logik der Forschung“ 1958 auch auf Englisch erschien, konnte der theoretische Hintergrund von Poppers Sozialphilosophie ebenfalls diskuiert werden.

Wie viel es auch in Deutschland nach 1945 nachzuholen galt, zeigte sich am so genannten Positivismusstreit. Ralf Dahrendorf war der Meinung, es sei an der Zeit, die kritische Theorie der Frankfurter Schule und die Poppersche Konzeption von Sozialwissenschaft gegeneinander antreten zu lassen. Der Soziologentag 1961 schien ihm der geeignete Rahmen, und er vergab die Hauptreferate an Popper und Adorno. Aber es kam nicht zum Showdown: Die beiden Schulhäupter umkreisten einander nur höflich im Scheine ihrer Berühmtheit und hielten sich zurück.

Die Erwartung Dahrendorfs wurde gleichwohl nicht enttäuscht. Kaum waren die beiden abgetreten, erhob sich der Streit der Stellvertreter: Jürgen Habermas und Hans Albert zogen gegeneinander ins Gefecht. So kam es, dass der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie erst offen ausbrach, nachdem dessen Protagonisten die Arena verlassen hatten. Und er wurde um so heftiger, je weiter man sich vom Ort des Geschehens entfernte. Am heftigsten tobte er schließlich in den philosophischen Proseminaren der siebziger Jahre.

Es war höchst unglücklich, den Angriff auf Poppers antirevolutionäre Sozialtechnologie, die eine Reform in kleinen Schritten propagierte, ausgerechnet als Kampf gegen den Positivismus zu deklarieren. Denn Popper selbst rechnete es sich als Verdienst an, mit seiner „Logik der Forschung“ den Positivismus eigenhändig erledigt zu haben. Dennoch wurden bei diesem Scheingefecht wichtige Fragen verhandelt, drehte sich der Streit doch um das, was noch heute im Zentrum philosophischer Arbeit steht: Wie lässt sich die Vernunft kennzeichnen, auf die man sich mit seinen Argumenten stützt?

Popper war kein Freund der „Dialektik der Aufklärung“, sondern ein engagierter Aufklärer, dem Kant als letzter großen Vorkämpfer für die Ideale der Aufklärung galt. Zeitlebens lag ihm daran, zum Gebrauch des gesunden Menschenverstandes zu ermuntern und sich von den Experten nicht einschüchtern zu lassen. Gerade weil die moderne Welt so sehr von Technik und Wissenschaft abhängig ist und die Kompetenz der Spezialisten zur Bildung einer neuen Elite geführt hat, muss eine kritische Einstellung ihnen gegenüber wach gehalten werden. Popper forderte die demokratische Verantwortung aufgeklärter Bürger, vor allem gegenüber neuen Forschungszielen und neuen gesellschaftlichen Entwicklungen. Sicherheit sei ein Phantom. Der Boden der Tatsachen schwankt; er lässt sich zwar stabilisieren – so wie die Baumeister einen weichen Boden tragfähig machen, indem sie Pfähle einrammen – aber es gibt kein unerschütterliches Fundament der Wissenschaft. Unsere Theorien mögen sich bewähren, dennoch bleibt auch die bewährteste Theorie falsifizierbar. So lernen wir aus Erfahrung, befreien uns von einem Vorurteil, von einem Irrtum. In diesem Lernen aus der Negation ist die Wissenschaft dem Leben verwandt: Auch Lebenserfahrungen sind meist schmerzliche Erfahrungen.

Poppers Philosophie hat vielfache Anerkennung gefunden. Die Ehrungen häuften sich bis zu seinem Tod im Jahr 1994, eine stattliche Reihe von Nobelpreisträgern berief sich explizit Poppers Methodologie, die englische Krone adelte ihn. Und unter Bundeskanzler Helmut Schmidt galt er als Meisterdenker der Sozialdemokratie.

Man muss aus der Not eine Tugend machen; das hat Popper beherzigt. Noch während er an der „Logik der Forschung“ schrieb, teilte Popper dem Kulturkritiker Egon Friedell selbstbewusst mit: „Mein Buch ist ein Kind der Zeit, ein Kind der Krise – wenn auch vor allem der Krise der Physik. Es behauptet die Permanenz der Krise; wenn es Recht hat, so ist die Krise der Normalzustand einer hochentwickelten rationellen Wissenschaft.“ Veränderungen und Umbrüche sind mithin nicht Ausdruck des Niedergangs, sondern Chancen für Fortschritt.

Kritik und Engagement gehören für Popper zusammen. Auseinandersetzung und Polemik kennzeichnen seinen Denkstil ebenso wie das Einstehen für jene Werte, die die Philosophie der Aufklärung inspirierten. Und die Philosophie selbst ist für Popper kein konsequenzenloses Geschäft, sondern sie muss ihren Beitrag leisten zu den Problemen des politisch-praktischen Lebens. Auch für uns, noch immer.

Der Autor lehrt Philosophie an der Universität Hamburg und schrieb eine Monografie über Popper (Beck Verlag, München 1988)

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