Kultur : Lob der Leere

Olympia-Finale/ Von Petros Markaris

-

Was wird von diesem August in Erinnerung bleiben? Die leere Stadt? Schon, aber das ist an sich nichts Neues. Die Stadt ist leer, man fährt schnell und bequem, die Restaurants sind leer, und man bekommt einen guten Service. Athen ist im August eine schöne Stadt, wenn man eine Klimaanlage hat. Und die hat mittlerweile jede zweite Wohnung. Aber ein leeres Athen, während der Olympischen Spiele, das wird man lange nicht vergessen.

Es war der erste August, den ich ohne Griechen und nur mit ausländischen Freunden verbracht habe. Die meisten waren Journalisten, aber nicht alle. Auch Familien gab es unter ihnen. Sogar ein Abend mit deutschen Bundesgrenzschutzpolitisten war mir vergönnt: für einen Krimiautor eine nette und lehrreiche Sache.

Was bleibt noch? Unser Siegesrausch zehn Tage vor den Spielen, weil wir wieder einmal das Unmögliche geschafft hatten. Ich mag zwar dieses griechische Pendeln zwischen Hoch und Tief, profitiere sogar als Schriftsteller davon, trotzdem sehne ich mich manchmal nach einer ganz einfachen, europäischen Normalität. Wie sagen die Griechen? „Es muss nicht immer bergauf oder bergab gehen, der Kamelpfad tut es auch!“ Ich muss auch nicht unbedingt jede Woche ein (balkanisches) Wunder erleben. Denn die Normalität dauert lang, das Unmögliche dagegen ist kurzatmig. In diesem Fall dauerte es bis zum Tag der Eröffnungsfeier. Dann kam der Kenteris-Skandal, und das Doping wurde zur Normalität der Spiele.

Zweimal war ich im Olympiastadion mit deutschen Freunden und erlebte noch einmal den krassen griechischen Widerspruch. Von außen gesehen haben der Olympia-Komplex und die Organisation der Spiele Weltniveau. Aber die Innenansicht vermittelte einem den Eindruck, dass es sich um ein lokales Sporttreffen handelte und nicht um die Olympischen Spiele. Nicht nur, weil im Stadion fast nur Griechen saßen, Ausländer gab es dort kaum. Sondern auch, weil das Publikum die griechischen Athleten frenetisch bejubelte, während es für die Gäste kaum einen Applaus übrig hatte.

Das 400-Meter-Hürden-Finale gewann Fani Chalkia, eine bisher unbekannte Griechin – eine große Überraschung. Nach dem Rennen klingelte mein Handy und ein griechischer Freund fragte: „Ist sie jetzt gedopt oder nicht?“ Dann noch ein Anruf. „Kenteris war in Sydney doch auch eine Überraschung.“ Das wird bleiben, der Zweifel. Zweifel an den Siegern, Zweifel an den Doping-Kontrollen und an der Objektivität des IOC.

Am nächsten Tag dann der große Aufschrei vor dem 200-Meter-Finale: „Kenteris! Kenteris!“ Was soll das?, dachte ich. Sind die Amerikaner schuld, weil unser „ohne Unfall verunglückter“ Sprinter nicht laufen darf? Oder das IOC? Wozu dieser Nationalismus, dieser Sieg um jeden Preis? Schämen wir uns, weil wir ein kleines Land sind, das sich mit den Großmächten in der Politik und im Sport nicht messen kann? Schlimmer noch, wir empfinden es als Unrecht.

Es gibt bei uns zwei Arten der Antiken- Rezeption. Die Intellektuellen, Historiker und Wissenschaftler schwärmen von Sokrates, von den Tragikern oder von Hippokrates. Der Durchschnittsgrieche aber identifiziert sich mit Alexander dem Großen.

Petros Markaris lebt als Schriftsteller und Übersetzer in Athen. Seine Krimis sind auch in Deutschland Bestseller. Mit dieser Kolumne endet sein Olympia-Tagebuch, das er während der Spiele für den Tagesspiegel schrieb.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben