Kultur : Lob der Mischung

20 Jahre war Paul Maenz ein Avantgarde-Galerist. Nun umgibt er sich mit antikem Mobiliar

Michael Zajonz

Überall Grün: auf dem Boden, an den Wänden, an den geradlinig-schönen Stuckdecken. Die Symphonie einer Farbe, jeder Blick ein voller Akkord oder ein präzises kammermusikalisches Zwischenspiel. Schon beim Eintritt in die Diele mit ihrem markanten Tonnengewölbe begrüßt einen dieses spezielle Grün: Seladon, ein Farbton des geschmackssicheren 18. Jahrhunderts, der an Grünspan erinnert. Hier gibt es ihn in zigfacher Abschattierung. Eine natürliche Farbe. Und der perfekte Hintergrund – für seinen Bewohner und die Kunst, die er schätzt.

Paul Maenz, zwischen 1970 und 1990 in Köln einer der erfolgreichsten deutschen Galeristen und nun seit etwa sieben Jahren als Kunstsammler in Berlin lebend, erzählt die Geschichte mit sichtlichem Vergnügen: Als ein befreundeter Architekt zum ersten Mal seine neue Charlottenburger Wohnung sah, fragte ihn der prominente Baukünstler entgeistert: „Das meinst du doch ironisch, oder?“ Nein, meint er eigentlich nicht. Seit wann sind Gesamtkunstwerke ironisch?

Und ein Gesamtkunstwerk ist die repräsentative Geschosswohnung am Lietzensee, Baujahr 1910, nicht nur wegen ihres extravaganten Farbkonzepts. Doch offenbar erwartet man von einem Galeristen und Sammler, der sich stets auf der Höhe der Zeit bewegte und bis in die achtziger Jahren Avantgarde verkauft und selbst in eindrucksvoller Dichte gesammelt hat, zwangsläufig einen Hang zum White Cube. Den hat Maenz allerdings längst abgelegt.

„Es ging nicht darum, den alten Zustand sklavisch wiederherzustellen, und noch weniger darum, ihn zu verleugnen“, betont Maenz, der zuvor fünf Jahre lang in einem sehr qualitätvollen Neubau von Ortner und Ortner direkt am Pariser Platz gelebt hat. Dort wohnte er mit verschwenderisch viel Licht in weißen Wänden; hier hat der großbürgerlich geschnittene Altbau mit Salon, Berliner Zimmer und dem für Berlin so typischen rückwärtigen Privatbereich sein Recht gefordert – und auch erhalten.

Vom Pariser Platz mit umgezogen ist eine raumbezogene Arbeit des Schweizer Künstlers John Armleder. Nun darf seine „Mosaic Mirror Wall“ einen eigenen Raum gestalten, dessen Nutzung als Lesezimmer sich dezent der artifiziellen Inszenierung unterordnet. Perfekt fügt sich Armleders Wandmosaik aus zwei mal zwei Zentimeter großen Spiegelfliesen, die bis fast unter die Decke reichen, in den relativ kleinen längsovalen Raum ein – als wäre es für den Raum erdacht worden. Dazu kombiniert Maenz einen dicken grünen Teppich, zwei schwarz gebeizte expressionistische Stühle von Peter Behrens, ein rundes Mahagoni-Tischchen und zwei französische Salonsessel im Louis-Seize-Stil, Ende des 19. Jahrhunderts gefertigt. Ein munteres Crossover der Stile – zugleich spannungsvoll und harmonisch, wie es sein Bewohner liebt.

Auf der Ars Nobilis hat Paul Maenz vor ein paar Jahren ein um 1820 entstandenes strenges Klapptischchen mit Mahagonifurnier erworben. Es steht im Berliner Zimmer mit einem passenden Stuhl vorm Fenster, wo der Hausherr gern Zeitung liest. An der mit graugrünem Stoff bespannten Wand dahinter hängen abstrakte Gemälde von Mathieu Mercier. Stilreine Interieurs sind für Maenz ein absoluter Graus.

Neben zeitgenössischen Bildern von Mercier, Gerwald Rockenschaub oder der 1972 geborenen Gitte Schäfer umgibt er sich mit Vintage-Möbeln wie dem runden Couchtisch, den Gio Ponti in den Fifties für ein römisches Hotel entwarf, seit Jahrzehnten selbst „besessenen“ Eames-Klassikern und afrikanischer Stammeskunst. Auf Messen wie der Ars Nobilis sähe er gern mehr Design und Vintage-Klassiker des 20. Jahrhunderts: „Ich glaube kaum, dass sich ein junger Aufsteiger heute mit Biedermeier beschäftigen wird.“

Er selbst sieht das inzwischen entspannter. Maenz zog nach Jahrzehnten des Wanderns („Wenn ich zusammenzähle, hatte ich um die 14 Wohnungen.“) bewusst nach Berlin, wo so intensiv wie an kaum einem anderen Ort Geschichte und Gegenwart aufeinanderprallen. Für den 68-jährigen Ex-Galeristen, dessen bis 2005 im Neuen Museum Weimar gezeigte Sammlung mit Werken von Donald Judd, Dan Flavin, Keith Haring, Anselm Kiefer und anderen Blue Chips des zeitgenössischen Kunstmarkts bestückt ist, gehört die private Beschäftigung mit historischen Werken zu den positiven Überraschungen des Älter- und Sesshaftwerdens. „Wenn ich mit der Hand über ein altes Möbelstück streiche,“ sagt er, „ist das ein taktiles Erlebnis, das von Zeit erzählt. Diese Dimension ist einem nicht bewusst, wenn man jung ist.“

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