Kultur : Lob der Pleite

Christiane Peitz

Sie trägt Turnschuhe zum Nadelstreifenanzug. Und erzählt Kurzgeschichten. Jeder Satz sitzt. Just do it: die "Berliner Lektionen" als Injektion gegen die deutsche Zögerlichkeit und das Theoretisieren. Nicht dass Doris Dörrie der Tat das Wort redet. Nein, es geht ihr um das Spiel, das Abenteuer, das Experiment. Um ein bisschen Leichtigkeit.

Hansjürgen Rosenbauer gibt im Renaissance-Theater die Stichworte, riskiert als Gesprächspartner auch mal eine Anekdote, aber die Pointen überlässt er ihr. München? Ist Neuschwanstein. Die Wiedervereinigung ist dort nie angekommen, die Gesellschaft trifft sich beim Hofball, König Ludwig kommt vorbei, und man redet über das Wetter. Kein Wunder, dass ihr die Berliner Herzen zufliegen. Ost-Berlin? War ihr fremder als Japan. Erst im letzten Jahr hat sie den Osten entdeckt, bei Kanufahren und dem Betreten des Staatsopern-Schiffs. Und Dörrie schwärmt: Sie hatte - bei den Proben zu "Così fan tutte" - einen schwerfälligen Apparat erwartet, fand aber eine Art Autorenfilmerclub vor. Wieder Applaus.

Ja, Doris Dörrie ist eine Entertainerin amerikanischen Zuschnitts. Pragmatisch, praktisch, klug. Eine Meisterin des Oberflächen-Surfens. Aber einer Oberfläche, hinter der die condition humaine hervorblitzt. Geschichten sind ihr wichtig, nicht die Kunst. Dörrie hält es für ihre vornehmste Pflicht, ihr Publikum nicht zu langweilen. Das klingt bescheiden und ist doch: eine Kunst. Die Geschichten liebte schon ihr Großvater, der am Ostseestrand stand, niemals baden ging, aber am Ende der Ferien die Biografien sämtlicher Urlauber kannte.

Apropos Familie: Wenn sie ihre Münchner Regie-Studenten auffordert, eine Geschichte über die eigene Mutter zu schreiben, geht ein Stöhnen durch die Klasse. Dörries Filme, Short-Stories, ihr Roman - all das sind Versuche über jenes Stöhnen, dem sie ein Lächeln entgegensetzt. Kein abgeklärtes Lächeln, sondern ein komplizenhaftes. Die Kleinfamilie zum Beispiel oder das Gutmenschentum: Kaum jemand setzt die Tyrannei der scheinbar privaten Kontrollmechanismen präziser in Szene.

Nein, der neue Hauptstadt-Senat ist nicht Thema an diesem sonnigen Morgen. Aber am Anfang ist vom Buddhismus die Rede. Erleuchtung garantiert? Nicht der Glaube sei entscheidend, sondern das Aufräumen, das Putzen und Fegen. Das hat sie im Zen-Kloster gelernt. Ohne Pleite keine Erleuchtung?, fragt Rosenbauer. Die Pleite, antwortet Dörrie, ist die Erleuchtung. Wenn das mal keine Berliner Lektion ist.

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