Kultur : Lob der Säule

Der Schloss-Architekt: Franco Stella und seine Entwürfe

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Architektur ist Klassik und Klassik ist Säule: Auf diese einfache Formel bringt Franco Stella sein Bauverständnis. Um im Folgenden herzuleiten, dass die Säule, darin dem steinzeitlichen Trilith vergleichbar, ein Zeichen der Macht des Menschen über die Natur sei: Bild gewordene Konstruktion, Stein gewordene Vernunft. So argumentiert Stella, und aus diesem Geist entwirft er seine Bauten.

Und doch wird man das Gefühl eines Rechtfertigungsversuchs nicht los, wenn der 67-Jährige im Berliner Kronprinzenpalais einen Sammelband seiner Entwürfe vorstellt. Seht her, ich bin ein ernst zu nehmender Architekt, soll dieses schmale Buch verkünden. Und das, nachdem immer wieder Zweifel aufgekommen waren, ob der Architekturprofessor aus Vicenza der Aufgabe gewachsen sei, Berlins Stadtschloss an alter Stelle, mit alten Fassaden, aber neuem Geist wiederzuerbauen. Würde seine Bauerfahrung für einen derart großen Entwurf ausreichen, und würde er die Idee des Humboldt-Forums verstehen, wie es sich Politik und Museumsleute erträumen?

Wer sich das Buch anschaut, wird diese Fragen eher verneinen müssen. Um einen der „wichtigsten Architekten Deutschlands“, wie der Verlag in Eigenwerbung kühn verkündet, handelt es sich bei Franco Stella auch nach seinem Überraschungserfolg beim Humboldt-Wettbewerb nicht. Schmal ist und bleibt sein Œuvre, und es wird nicht reicher dadurch, dass man es auf schönem, dickem Papier, mit kühlen Schwarz-Weiß-Fotografien und viel Weißraum präsentiert. Drei als „Schriften“ veredelte Artikel zum Einstieg, veröffentlicht in den Jahren 2006 und 2007, dazu einige Bürobauten und gar nicht uninteressante Schulen im Veneto, die klassizistischen Messehallen in Padua sowie ein banales Wohnhaus in Potsdam – das ist es dann schon mit dem gebauten Werk. Auch eine Fingerübung wie das an ein römisches Atriumhaus erinnernde Bücherzimmer in einer Privatwohnung (es ist das letzte Werk von 2007) darf der Vollständigkeit halber nicht fehlen. Die „Schriften über Stella“, die der Anhang nennt, führen dafür fast jeden (positiven) Zeitungsartikel auf.

Aufschlussreich sind auch jene Entwürfe, die nicht gebaut wurden – wohl, weil ihre Dimensionen die Möglichkeiten gesprengt hätten. Ein Monument zur Französischen Revolution für die Spitze der Ile de la Citè in Paris und ein „Hypogäisches Museum“ der fünf architektonischen Ordnungen, in dem Serlio, Palladio, Vignola, Scamozzi, Perrault und Gibbs geehrt werden, verdeutlichen den rationalistischen Traum, den Stella träumt. Die Entwürfe für eine Theater-Piazza am Mittelmeer in Crotone und einen Schulkomplex in Vignola wirken mit ihren Säulenhöfen, Rotunden, Loggien und Vorhallen wie simplifizierte 3 D-Rekonstruktionen aus dem Alten Rom, wie sie in archäologischen Ausstellungen üblich sind. Als alternatives Modell hat Stella hochragende Rasterfassaden mit umlaufenden Loggien in Petto, etwa beim Entwurf für das Kultur- und Kongresszentrum in Regensburg oder für das Auswärtige Amt und die Zentralbibliothek der Humboldt-Universität in Berlin. Sein – ausführlich dokumentierter – Entwurf für das Humboldt-Forum im Berliner Stadtschloss ist eine Mischung aus beidem. Man versteht ihn besser nach der Durchsicht der anderen Entwürfe. Aber man schätzt ihn nicht unbedingt mehr.

Daran kann auch Peter Stephan, Kunsthistoriker und Berater von Förderverein und Schlossstiftung, nichts ändern. Er versucht im zweiten Band – nicht mehr auf Hochglanz-, sondern auf Dünndruckpapier inklusive suppiger Bilder –, Stella als legitimen Vollender Schlüters zu adeln. Viel ist im Text von römischem Barock die Rede, doch beim Stichwort Humboldt fällt Stephan nur Wilhelm von Humboldts Bildungsideal sowie Schinkels Altes Museum mit seinen Kunstschätzen ein. Kein Wort über die künftigen Inhalte des von Franco Stella geplanten Gebäudes. Bei so viel vergangenheitsseliger Säulenfreude ist für außereuropäische Kulturen einfach kein Platz.

Franco Stella/Peter Stephan, Schriften und Entwürfe, 2 Bände im Schuber, DOM Publishers, Berlin 2010, 48 €.

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