Kultur : Lob der Überwältigung

CHORMUSIK

Isabel Herzfeld

Ein brillanter Abend. Nach dem großen Chorfest konnte der Rundfunkchor Berlin in der Philharmonie noch einmal so richtig mit den Qualitäten eines professionellen Ensembles auftrumpfen: ein Klang wie Samt und Seide, unüberbietbar homogen, aller nur erdenklichen dynamischen und rhythmischen Nuancen fähig. Trotzdem kann selbst dieses wunderbare Material langweilig oder maniriert wirken, wenn ein Dirigent es nicht zu persönlichem Ausdruck formt. Der Vorwurf ist Marek Janowski, der auch sein Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin zu eindrucksvollen Leistungen antreibt, sicherlich nicht zu machen, aber das große Interpretationsereignis tritt auch nicht ein. Der sperrige Witz der „Messe“ für Soli, Chor und Bläser, mit der Igor Strawinsky 1948 gegen das vermeintlich „Sündig-Süße“ Mozartscher Messen anschrieb, bleibt in den vertrackten Rhythmen stecken. Dennoch, ein lustigeres „Kyrie eleison“ mit seinen skurrilen Flötenstakkati hat man wohl schwerlich bisher gehört.

Ein Antistück, fremd und rätselhaft in seiner Mixtur von gesungenen und gesprochenen Partien, grellen Bläser- und Glockenklängen bleiben auch die „Requiem canticles“, mit denen der 84-jährige Komponist zur strengen Zwölftönigkeit vorstieß. Ein größerer Kontrast zur f-Moll-Messe von Anton Bruckner, vom geistlichen Werk in riesenhafte sinfonische Dimensionen geweitet, ist kaum denkbar. Hier rauscht und braust das Gotteslob. Chor und Orchester entlockt Janowski überwältigende Klangwirkungen, die sich vielleicht in ganz zarten A-cappella-Einwürfen im „Gloria“ am schönsten entfalten. Das hochkarätig besetzte Solistenquartett lässt Bruckner allerdings kaum zum Zuge kommen.

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