Kultur : Lob der Umständlichkeit

Warum der traurige, unzufriedene, schlecht gelaunte Henning Mankell Millionen von Lesern aus der Seele spricht: „Vor dem Frost“, der erste Linda-Wallander-Roman

Harald Martenstein

Möglicherweise ist so etwas noch nie gemacht worden: mitten in einem Romanzyklus die bewährte Hauptfigur zur Nebenfigur zu degradieren, die Erzählperspektive zu wechseln. In seinem neuen Kriminalroman probiert Henning Mankell es aus. Der Polizist Kurt Wallander, Mankells trauriger, einsamer, nicht immer sympathischer Held, ist müde geworden, immer depressiver, immer dicker und desillusionierter, neun Romane lang. Sein Autor wurde es mit ihm. Jetzt also tritt Wallanders Tochter Linda, 29 Jahre alt, in den Polizeidienst der schwedischen Stadt Ystad ein. „Vor dem Frost" ist die Geschichte ihres ersten Falls. Ihr Vater und die anderen Gestalten aus dem Revier sind aber immer noch dabei.

Der Wechsel bringt etwas. „Vor dem Frost" zeigt das Personal, das die Mankell-Gemeinde bestens zu kennen glaubt, in einem neuen Licht. Linda ist zum Beispiel stutenbissig, andere Polizistinnen mag sie gar nicht. Ihre Mutter, die der unglücklich geschiedene Vater in den dunkelrosa Farben einer hoffnungslosen Liebe gemalt hat, wird in Lindas Augen zur aufgedunsenen, tückischen Säuferin. Geschickt spielt der Roman auf verschiedenen Ebenen mit den Facetten einer Vater-Tochter Beziehung im letzten Stadium des Erwachsenwerdens – Anziehung und Abstoßung, Bewunderung und Unsicherheit, Rivalität und Liebe, ein Kräfteverhältnis zwischen zwei Menschen, das sich ändert. Die Kriminalgeschichte, die Mankell erzählt, wirkt etwas bemüht aktuell – es beginnt mit dem rituellen Selbstmord einer Sekte im Dschungel von Guyana und endet mit dem 11. September. Bei Mankell „geht" es immer um „etwas", diesmal um Fantatismus und Terrorismus.

„Vor dem Frost" hält den Standard der Wallander-Romane, dank Linda. Die Fans werden es mögen, sie kaufen schon fleißig. Und der Schwede Henning Mankell bleibt einer der erfolgreichsten Autoren der Gegenwart – warum eigentlich?

Ein Textfragment, willkürlich herausgegriffen, Seite 262, unten. „Meine Mutter stirbt daran, daß sie mit einem blutarmen Prokuristen lebt. Mein Vater daran, daß er nicht begreift, daß er die große Liebe seines Lebens schon getroffen und verloren hat, und sich danach richtet. Er wird weiter seine unsichtbaren Hunde ausführen und seine Häuser kaufen, die nicht existieren, bis er eines Tages entdeckt, daß etwas zu spät ist. Aber was ist dieses Etwas?"

Mankell ist ein schlichter, fast ein schwerfälliger Autor. Er schreibt nicht raffiniert, er probiert nicht viel aus mit Sprache und Stil, er hat keinen aufregenden Rhythmus. Natürlich benutzt er die alte deutsche Rechtschreibung. Manches kann an der Übersetzung liegen, zum Beispiel die unelegante Verdoppelung von „daß er" im zweiten Satz. Die Struktur der Kriminalromane (Mankell produziert auch anderes) ist ebenfalls einfach.

Die Geschichte wird weitschweifig erzählt, beinahe umständlich. Auch dieser Roman könnte, wie seine Vorgänger, ohne weiteres hundert Seiten kürzer sein, man würde es kaum merken. Mankell verwendet weder Lakonie, wie Patricia Highsmith, noch Sarkasmus, wie Wolf Haas. Nicht einmal seine Schlichtheit hat Raffinesse. Henning Mankell ist ausnahmsweise einmal ein Krimiautor, der nicht zum Beweis dafür taugt, dass Kriminalromane große Literatur sein können. Der erste Satz in "Vor dem Frost" lautet: "Die Gedanken in seinem Hirn waren wie ein Funkenregen von glühenden Nadeln." Es ist der Versuch eines originellen Bildes, aber unter dem Strich ist es auch wieder schlicht.

Henning Mankells Kriminalromane beweisen allerdings auch: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Es ist möglich, weitschweifige, kunstlose Romane zu schreiben, Romane, die einen langweiligen, nicht sehr sympathischen Polizisten zur Hauptfigur haben, und damit Millionen von Lesern zu gefallen. Erstens: Alles passt zusammen, die Form zum Inhalt, der Held zur Tonlage, das Tempo zur Geschichte. Zweitens: Mankell trifft eine Stimmung. Er ist der Dichter der postsozialdemokratischen Melancholie.

In einem Interview hat Mankell einmal gesagt: „Es gibt keine Menschen, die böse geboren werden. Es sind die Umstände, die Menschen zum Mörder machen. Mit meinen Krimis versuche ich nur, gesellschaftliche Entwicklungen zu beleuchten. Ich schreibe in der Hoffnung, diese schreckliche Welt, in der wir leben, ein bisschen zu verändern. Das größte Problem ist die Kluft zwischen Arm und Reich."

Aus genau dem gleichen Geist wird die „Lindenstraße" gemacht. Es sind immer die Umstände. Das Böse gibt es nicht, es gibt nur schlechte Politik und widrige Verhältnisse. Das Paradies auf Erden wäre machbar, wenn die Menschen guten Willens wären. Sie sind es aber nicht. Und das läßt sich offenbar nicht ändern. Im Gegensatz zu dem schwedischen Autorenduo Sjöwall/Wahlöö, das ganz ähnlich geschrieben hat und in den siebziger Jahren besonders populär war, haben bei Mankell die Figuren den Glauben an die Veränderbarkeit der Verhältnisse verloren.

Sie sind aber trotzdem nicht zufrieden mit der Welt. Kurt Wallander leidet an ihr, bei Linda fängt es auch schon an. Wohin sie schauen, sehen sie Ungerechtigkeit, Mordlust und Korruption, überall wuchert auf dem Boden der schlechten Verhältnisse das Böse. Daher die Melancholie. Die einzige oppositionelle Haltung, die den Wallanders geblieben ist: Wenigstens keine gute Laune zu haben.

Die Wallander-Romane sind auch deshalb so traurig, weil ihre Figuren selber wissen, wie unzeitgemäß sie sind. Die neoliberalen Haie ziehen immer engere Kreise um Wallander, um Ystad und Mankell. Eines Tages wird man sie alle privatisieren, vielleicht schon im nächsten Roman.

Mankells Wallander-Romane haben das, was den meisten Büchern heute fehlt: eine Idee von der Welt. Einen Begriff vom Leid und eine Sehnsucht nach Glück. Ein Anliegen. Alles ist schlecht, und das Einzige, was man dagegen tun kann, ist, sich damit abzufinden. Von all den Hoffnungen und Träumen ist am Ende nur eine Depression übrig geblieben. Furchtbar? Gewiß. Aber Millionen Leser erkennen sich darin wieder.

Henning Mankell: Vor dem Frost. Verlag Zsolnay, München 2003, 544 Seiten, 24,90 €.

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