Kultur : Lob des Alltags

Wo Queenie herrscht: Skulpturen von Duane Hanson im Automobilforum Unter den Linden

Michael Zajonz

Das wahre Leben tobt im Tiefgeschoss. Während oben Hostessen gelangweilt dreinschauen, weil sich zwischen Bentley, Bugatti und Phaeton derzeit nur Rucksacktouristen tummeln, regiert unten Queenie mit strengem Blick. Queenie sieht mit ihrem gigantischen Reinigungswagen, dem quietschbunten Staubfeudel und der schweißglänzenden Stirn aus wie eine waschechte New Yorker Putzfrau. Doch sie besteht aus Epoxidharz, Naturhaar und Farbe; Kleidung und Accessoires stammen aus dem Supermarkt. „Queenie II“ ist eine von 19 Skulpturen des amerikanischen Bildhauers Duane Hanson, die bis 17. September im Berliner Automobilforum Unter den Linden zu sehen sind.

Die Hauptstadtrepräsentanz des Volkswagenkonzerns ist die siebente und letzte Station der Hanson-Schau „More than Reality“, die 2001 vom Tübinger Institut für Kulturaustausch aus dem Nachlass zusammengestellt worden ist. Thomas Buchsteiner, Geschäftsführer der privaten Ausstellungsfabrik, konstatiert ein neu erwachtes Interesse am Werk des 1996 gestorbenen Künstlers. Man hätte schon vor drei Jahren „einen figurativen Trend festgestellt“, der sich auch am Kunstmarkt bestätigt habe. Überdies sei der in den Siebzigerjahren gefeierte Hanson der „Urvater“ von Künstlern wie Jake und Dinos Chapman, ja selbst der Fotografin Nan Goldin.

Nun liegen zwischen den detailrealistischen Hybridkreaturen der Chapman-Brüder und den Schnappschüssen aus dem Freundeskreis, mit denen Nan Goldin in den späten Achtzigerjahren berühmt wurde, sicher Welten. Doch sie finden einen möglichen Bezugspunkt tatsächlich im sozialkritischen Fotorealismus der Sechzigerjahre – von dem sich Hanson selbst allerdings stets distanzierte. Er berief sich lieber auf alte Kunst: etwa auf die kaiserzeitliche römische Porträtplastik, auf Tilman Riemenschneider und die Gemälde Hans Holbeins d. Jüngeren.

Kein anderer Künstler seiner Generation – er wurde 1925 als Farmersohn in Minnesota geboren – traf die Spannung zwischen individueller Körperlichkeit und sozialer Bedrohung so punktgenau. Auch wenn Hansons Figuren ab Ende der Sechzigerjahre durch Abformungen vom lebenden Modell entstanden, tauschte er Gliedmaßen und Köpfe untereinander aus, glättete zuweilen sogar Nasen und Wangenknochen. Hanson war persönlich stets am Individuum interessiert. Gestaltet hat er soziale Typen. Meist aus der Unterschicht, für die der „amerikanische Traum“ oft nicht einmal mehr als Mittel der Selbstdisziplinierung wirkt.

Die Faszination dieser bis in die letzte Hautunreinheit hinein realistischen 3D-Modelle irritiert. Realiter begegnen möchte man eigentlich weder der sichtbar frustrierten Queenie noch all den anderen müde, stumpfsinnig, bisweilen auch feindselig blickenden Touristen, Vertretern und kleinen Pensionären. Doch die Sucht, unbemerkt ihrem Abbild nahezukommen, ist stärker. Der Kritiker Karl Ruhrberg nannte Hanson einen Meister der Überschärfe, der „eine äußerste Steigerung und Intensivierung des Realen unter der Oberfläche“ zu erzeugen vermag.

Hansons konzeptueller Realismus ist nicht mehr als ein künstlerisches Vehikel. In Gunther von Hagens plastinierten „Körperwelten“ etwa wird physischer Verismus zum Wert an sich. Hansons Apotheose der Alltäglichkeit dagegen stimmt heiter, weil sie trotz porentiefer Gründlichkeit die Distanz der condition humaine wahrt. Gelebtes Leben macht, so müssen wir uns leider eingestehen, nicht per se weise oder wenigstens interessant. Achtung vor seiner Würde beansprucht es allemal.

Automobil Forum, Unter den Linden 21, bis 17. September, Mo-Fr 9-20 Uhr, Sa 10-18 Uhr. Der Katalog mit Werkverzeichnis (Verlag Hatje Cantz) kostet 39, 90 Euro.

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