Kultur : Lob des Experiments

Berlins Hebbel am Ufer ist „Theater des Jahres“

Peter Laudenbach

Was dem Spekulanten die Börsenkurse, ist den Theaterleuten einmal im Jahr die Kritikerumfrage der Zeitschrift „Theater heute“. Nach der Lektüre von deren Jahrbuch weiß die Branche, wie viel Kapital sich auf ihrem Ruhmeskonto angesammelt hat.

Beim Börsenbarometer 2004 trägt der Neue Markt den Sieg davon: risikoreich, enorm volatil und begeistert von neuen Technologien. Das „Theater des Jahres“ steht in Berlin und heißt Hebbel am Ufer. Sechs der 39 befragten Kritiker haben die drei Hebbel-Bühnen auserwählt, die unter den Logos HAU 1, 2 und 3 von Intendant Matthias Lilienthal radikal runderneuert wurden. 6 aus 39: Das klingt wie ein Lottogewinn, „nur dass es dafür kein Geld gibt“, so Lilienthal zum Tagesspiegel. „Ich habe zehn Minuten gebraucht, um mich darüber zu freuen. Als Berufspessimist denke ich immer zuerst daran, welche Gefahren das mit sich bringt,“ sagt der Intendant in schönster Bescheidenheit. Die Wahl ist in der langen Geschichte der „Theater heute“-Umfrage eine Premiere: Zum ersten Mal wurde eine freie, experimentierfreudige Spielstätte gewählt. Allerdings eine, die mit 120 Premieren in nur einer Saison rekordverdächtig ist. Theatergänger, die beim Namen „HAU“ bisher fragten, ob das weh tut, werden die Bühne jetzt gewiss für sich entdecken. Dass mit der Auszeichnung der Beobachtungsdruck steigt: Das Theater mit dem wahnsinnigen Output wird es bestimmt locker wegstecken.

Der Rest der Hauptstadt geht bei der Umfrage weitgehend leer aus – offenbar zählen in der Theaterstadt Berlin mittlerweile vor allem die Extreme. Kein Zufall jedenfalls, dass bisher Frank Castorfs wilde Volksbühne fast das Monopol auf die Nominierung zur Bühne des Jahres hatte. Das bürgerliche Guckkasten-Theater, die gediegenen Klassiker – das ist in Berlin schwächer als andernorts. Hier funktioniert das Radikale besser. Was gut zum rauen Berliner Klima passt.

Beim HAU bedeutet das zum Beispiel, dass Performances und Installationen in Dutzenden von Privatwohnungen gezeigt werden („X Wohnungen“) oder die grelle Choreografin Constanza Macras mit ihrer Compagnie und Neuköllner Immigranten-Kindern ein Tanzstück inszeniert („Scratch Neukölln“). Neben solchen Experimenten zeigt das HAU das Theater der Avantgarde, von der New Yorker Wooster-Group und den Stars von „Hollandia“ bis zu den Multimedia-Spektakeln der New Yorker Big Art Group. Wooster und Big Art Group werden auch die neue Spielzeit eröffnen.

Sunnyi Melles, die Schauspielerin des Jahres, kommt aus München – was man ihrer Russin in Barbara Freys „Onkel Wanja“ auch deutlich ansieht. So kokett und teuer parfümiert erlebte man eine Tschechow-Dame selten. Schauspieler des Jahres ist Thomas Dannemann (früher: Schaubühne) mit seiner Rolle in Jürgen Goschs Düsseldorfer „Sommergästen“. Auch die Inszenierungen des Jahres stammen nicht von Castorf, Ostermeier oder Sasha Waltz, sondern, mit je sechs Stimmen, von Jürgen Gosch („Sommergäste“) und Johan Simons („Anatomie Titus Fall of Rome", Münchner Kammerspiele). Simons wird die Saison an der Volksbühne mit der Dostojewski-Bearbeitung „Der Zocker“ eröffnen. Und Gosch inszeniert am Deutschen Theater im November Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“.

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