Kultur : Lob des Flickwerks

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Diedrich Diederichsen liest

neue Bücher über Pop

„Popkulturtheorie“ steht auf einem neuen Buch zur Popmusik (Ventil Verlag). Damit wäre ein Thema auf den Bandwurmbegriff gebracht, das schon lange zwischen Fans und Wissenschaftlern, Plattenkäufern und Professoren schwelt und doch nicht zur institutionellen Lokalisierung findet: Gibt es eine akademische, eine wissenschaftliche Rede über Popmusik, die ihrem Gegenstand angemessen ist? Bisher sortierten Musikwissenschaftler die kulturindustrielle wie subkulturelle, meist multimediale Popmusik der Nachkriegszeit in ihr Unterfachgebiet Popularmusik ein, das sich in gleicher Weise um Volkstänze und Gassenhauer der Kaiserzeit kümmerte. Lange schien es, als hätten Soziologen ein besseres Gespür für die Besonderheiten des neuen kulturellen Formats. Mit Simon Frith kam der einflussreichste akademische PopmusikDenker aus der Soziologie. In letzter Zeit wird weltweit der Markt der Popmusik-Bücher von eher autobiografischen Texten überschwemmt: Mein Leben als Plattensammler, Raver und Konzertbesucher – so funktioniert nicht nur ein belletristisches Genre, sondern auch eine Sorte von Büchern mit kulturtheoretischem Anspruch. Ihre Maxime lautet: Nur die aus der Projektionsarbeit des Fans gewonnenen Daten werden der Pop-Erfahrung gerecht.

Bloß kein Paradigma

Der Herausgeber des Sammelbandes, Jochen Bonz, setzt seine Hoffnung auf das neue „eigenständige Fach Kulturwissenschaften“. Interessanterweise interpretiert er als dessen Prämisse vor allem die Ermöglichung eines Nebeneinanders von Ansätzen: von solchen, die aus Fan-Selbstbeobachtungen entstanden sind, neben sozialwissenschaftlich inspirierten, bis hin zu musikwissenschaftlichen, die sich dann etwa fragen, ob „Rock- und Popbands Komposition betreiben“. Bonz selbst versucht, die Fan-Perspektive mit der gebotenen Wissenschaftlichkeit zu verbinden, indem er sich an die Psychoanalyse wendet. Sympathischerweise sind all diese Ansätze Flickwerk – und das ist auch der einzige Weg. Wer versuchen würde, sich zu einem neuen Paradigma aufzuschwingen oder die bestehenden der verschiedenen Wissenschaften so zu dehnen, dass sie einer Popkulturtheorie gerecht würden, betriebe eine gewaltige Diskursverknappung. Uns bleibt nur Bricollage. Dass deren methodische Mängel nicht unerwähnt bleiben, garantiert in diesem empfehlenswerten Band vor allem die Beobachtung der Beiträge durch ihre jeweiligen Nachbarn.

Eine der Autorinnen, Stefanie Menrath, hat in einer eigenen Veröffentlichung – „Represent What … – Performativität von Identitäten im HipHop“ (Argument Verlag) – zwei kulturtheoretische Probleme mit dem HipHop konfrontiert: die Frage, wie Identitäten in Rollen hervorgebracht werden sowie das Problem der Repräsentation. HipHop ist bei ihr sowohl Gegenstand als auch Quelle alternativer „Theoriebildung“. Meinen die Rapper, wenn sie „Represent“ sagen, etwas Ähnliches wie Judith Butler und Michel Foucault? Der Abgleich von (pop-)künstlerischem mit theoretischem Wissen sorgt für eine spannende Lektüre, auch wenn theoretische Begriffe ebenso interpretationsoffen sind wie die Rede der Rapper. Aber auch hier gilt: Das zu umgehen und fixe Maßstäbe anzunehmen, wäre gerade gegen den berühmten Geist der Werkzeugkiste, von der Stefanie Menraths poststrukturalistische Lieblingszeugen stets gesprochen haben. Man kann nur zwei Dinge nebeneinander stellen, die sich dadurch beide verändern.

Wo bleibt das Politische?

Das ist anders bei Felix Klopoteks extrem materialreicher Textsammlung „How they do it – Free Jazz, Improvisation und Niemandsmusik“ (Ventil Verlag). Sie geht von einem klaren Imperativ aus: Aufklären, Verbreiten, ja Predigen. Auch wenn Klopotek einer der theoretisch versiertesten Autoren ist, die heute über die Ränder von Popmusik schreiben, so überwiegt bei ihm der untheoretische Fan-Impuls, von all den Wundern erzählen zu wollen, die ihm bei seinen Streifzügen durch die letzten unkolonisierten musikalischen Praktiken begegnen.

Doch daneben gibt es eine zweite Konstante, die sich in Klopoteks Frage zuspitzt: „Wie kann ich aus diesem komplexen, hermetischen Gebilde etwas Politisches ableiten?“ Sie lässt Klopotek so wenig zur Ruhe kommen wie Stefanie Menrath die dringende Notwendigkeit, zwischen Communities zu übersetzen, der akademischen und der „subalternen“, der politischen und der subkulturellen. Nur in einem so geflickten, erzwungenen, un-heilen Nebeneinander von Welten und Diskursen kann man heute mit Gewinn von Pop-Musik reden.

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