Kultur : Lob des Monologs

Wie viel Naivität darf sein? Zum Abschluss des Berliner Ultraschall-Festivals

Ulrich Pollmann

Wahrscheinlich haben die Veranstalter von Deutschlandradio und rbb jenseits ihrer Programm-Schwerpunkte zu Franco Evangelisti und zur zeitgenössischen polnischen Musik diesmal im Rahmen von Ultraschall ganz einfach den Einzelgänger für sich entdeckt. Die Figur des Einzelgängers nämlich, in vielfacher Hinsicht paradigmatisch für die Neue Musik, er manifestierte sich spät abends in der winterlich-verwunschenen Sophienkirche gleich auf zweierlei Weisen: Hatte man das historische Ensemble prunkvoller alter Bürgerhäuser – die im nächtlichen Zwielicht fast Assoziationen an die Alt-Wiener Filmkulisse des „Dritten Manns“ aufkommen lassen – erst einmal durchschritten, so traf man in der Kirche auf einen einsamen Musiker. Ein Musiker, der sich siebzig Minuten lang einer beispiellosen Strapaze hingab.

Am Sopransaxofon – einem nicht gerade verschwenderisch mit Literatur bedachten Instrument – führte Marcus Weiss hier ein Stück des italienischen Komponisten Giorgio Netti auf: „Necessità d’Interrogare il Cielo“. Netti, der sich um kompositorische Strömungen gemeinhin wenig schert, schraubt für seine Stücke an den jeweils verwendeten Instrumenten mit großer eigenbrötlerischer Besessenheit herum, und zwar so lange, bis er eine Anzahl von Klängen gefunden hat, von denen selbst versierte Spieler nichts wissen. Eine Meditation über das geheimnisvoll verzweigte Innenleben des Saxofons war das Resultat dieser seiner Bemühungen: Feinste Resonanzen, Obertonakkorde und mikrotonale Abweichungen von Klarheit und zarter Sinnlichkeit nahmen das Publikum gefangen. Und: Typische Saxofon-Klischees wie Brachialklänge oder Jazz-Allusionen waren in dieser lichten Klangwelt bestenfalls in Spurenelementen zu finden.

Neben dem Spezialisten Netti nahm sich Franco Evangelisti gewidmete Festivalschwerpunkt nachgerade familiär aus. Wurde Evangelisti doch gewissermaßen im Kreise seiner Liebsten gezeigt, im Kreise seiner Komponistenkollegen Maderna, Morricone, Clementi und Scelsi. Das Denken im Kollektiv lag den oft politisch links stehenden italienischen Komponisten der sechziger Jahre, was beispielsweise in verwandten Kompositionsstilen zutage trat oder auch in den gemeinsamen Improvisationsbemühungen der Gruppe „Nuova Consonanza“. Die meist kurzen, streng organisierten Stücke dieser Zeit überzeugen noch heute, das Spiel zwischen Abstraktion und Fasslichkeit in dieser dem Serialismus verpflichteten Musik gehört einfach zum Grundbestand der Moderne – gut, sich daran von Zeit zu Zeit erinnern zu lassen.

Umso größer (und erschreckender) der Gegensatz zu jenen Fundstücken des Festivals, die auf offensive Weise einer opulenten Klanglichkeit huldigten. Gleich im Eröffnungskonzert mit dem BSO im Konzerthaus provozierte Jay Schwarz die Hörer mit einer in selbstgefälliger Langeweile zwischen Streicherclustern und zuckersüßen Dreiklängen pendelnden Komposition, die schier kein Ende finden wollte. Hier, wie auch beim Abschlusskonzert des DSO im Konzertsaal der UdK kam es gelegentlich zu offenen Heiterkeitsbekundungen des Publikums: Darf so viel Naivität eigentlich sein? Und wenn ja: Was bedeutet sie? Es gehört jedenfalls schon eine ziemliche Chuzpe dazu, ein ganzes Trompetenkonzert mit stampfenden Tonrepetitionen im Orchester und etüdenhaften Läufchen in der Trompete zu bestreiten, wie es die junge polnische Komponistin Hanna Kulenty tat ...

Nun muss man ja nicht gleich wie ein aufgebrachter Hörer Einreiseverbot für solche Stücke fordern. Aber das Festivalthema Polen bot eben doch einige sehr fremdartige Hörerfahrungen. Natürlich ist es gefährlich, Komponisten verschiedener Länder in verallgemeinernder Weise zu charakterisieren, aber es gibt doch Tendenzen: Während viele junge deutsche Komponisten eine ausgesprochene Scheu vor direkter musikalischer Wirkung haben und sich stattdessen in hochkomplexes, geradezu überambitioniertes Komponieren verlieren, suchen viele polnische Komponisten die direkte Wirkung ihrer Musik oft etwas naiv zu erzielen.

Dabei berufen sie sich gerne auf Penderecki und Lutoslawski, die großen Namen der polnischen Avantgarde. Aber auch die blieben bei Ultraschall seltsamerweise blass. Pendereckis Klassiker „Threnos“, 1962 komponiert und seinerzeit als revolutionär gefeiert, lässt in seinem Zug zum Effekthascherischen die spätere Wendung hin zur Spätromantik schon erahnen. Und Lutoslawskis Orchesterlieder von 1991 klingen eigentlich wie wunderschöner Impressionismus.

Am ehesten überzeugten da noch junge polnische Komponisten mit Kammermusik. Das von deutschen und polnischen Musikern gestaltete Konzert in der Sophienkirche bot – einem klingenden Flohmarkt gleich – eine muntere Ansammlung von kurzen Stücken, hervorragend gespielt, immer ansprechend und teilweise richtig spannend. So präsentierte Dobromila Jaskot etwa eine eindringliche Studie über das Beginnen, über die Attacke des Klangs.

Von deutsch-polnischem Dialog konnte ansonsten leider keine Rede sein: Es war schon mehr als auffällig, dass die Berliner Neue-Musik-Szene, sonst fester Besucherstamm des Ultraschall-Festivals, den Konzerten mit polnischer Musik geschlossen fern blieb.

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