Kultur : Lob des Schweigens

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Norbert Thomma wünscht sich

mehr Finnen in die RürupKommission

Gerade feiert das Fernsehen sich selbst, es begeht seinen 50. Geburtstag. Erinnert sich noch jemand an Norbert Grupe, der für ein Glanzlicht der TV-Geschichte sorgte? Grupe war Boxer und nannte sich „Prinz von Homburg“. Er wurde ins „Aktuelle Sportstudio“ eingeladen. Auf die Fragen antwortete er mit einem Lächeln – und sagte kein einziges Wort. Grupe schwieg, bis er vom ratlosen Moderator verabschiedet wurde.

Heinrich Böll fällt einem ein, die Erzählung „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“. Murke arbeitete im Funkhaus und sammelte in einer Keksdose Schnipsel von Bändern; Sprechpausen, die er ausgeschnitten hatte. Der Rundfunkmann klebte sie zusammen und spielte sich die Bänder, auf denen nichts zu hören war, abends zu Hause vor. Seine Freundin beschwor er, ihm eine Spule von fünf Minuten zu beschweigen – „so habe ich dein Schweigen im Original.“ Für ihn war dies die kostbarste Form der Hingabe.

Lange her. Böll von 1955, Grupe von 1969.Wäre es heute noch möglich, dass einer im Schweigen die Erfüllung sieht? Dass jemand im Fernsehen nichts sagt? Der Boxer würde sofort von Kerner, Beckmann und Christiansen eingeladen, wo er über sein Schweigen reden müsste: Sprechen wir über Ihr Nichtreden!!

Die Rürup-Kommission, beispielsweise. 26 Experten, die Deutschlands Sozialsysteme ummodeln wollen. Die klugen Experten wussten aus Erfahrung, wo die Gefahr lauert: Jeder Vorschlag wird im Handumdrehen öffentlich zerredet! Und so versprachen sich die 26 Weisen zu schweigen. Sie würden Ruhe bewahren, im Herbst 2003 ihre Ergebnisse vorlegen und so das Land retten.

Und? Herr Raffelhüschen will die Bonusabschläge bei Arztbesuchen von den Lohnnebenkosten abkoppeln. Frau Trauernicht wünscht den Generationenvertrag über Selbstbeteiligungsquoten im außertariflichen Bereich zu sichern. Herr Nullmeier (ja, die Mitglieder der Rürup-Kommission heißen wirklich so!) würde gern beim Zahnersatz im Quadratwurzelbereich nachbessern. Frau Stolterfoht meint... Täglich neue Nachrichten, stündlich Modifikationen von Vorschlagskorrekturen.

Und? Gekreische bei den Gewerkschaften, Getöse durch die Patientenvereinigung, die Unternehmer schäumen, Ärzte sehen die Republik untergehen. Darf man an dieser Stelle mal an den Orden der Trappisten erinnern? Diese Glaubensgemeinschaft gründete sich vor gut 900 Jahren mit der Idee, bei der Lösung von Problemen sei das Schweigen effektiver als das Reden. Auch in anderen Klöstern wurde die wohltuende Stille gepflegt, und sei es nur bei den Mahlzeiten: Das Schweigen der Schlemmer.

Wer im Internet unter „Große Schweiger“ sucht, stößt meist auf Menschen aus dem Norden. Perrti Karpinen, Rudern. Ari Kaurismäki, Film. Janne Ahonen, Skisprung. Liegt das an der Sprache? Der langen Dunkelheit? Unsere Experten indes werden weiter palavern. Sie werden noch vor Ende jeder Sitzung unterm Konferenztisch telefonieren und per SMS Statements übermitteln.

Wir brauchen mehr Finnen in der Rürup- Kommission.

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