Kultur : Lob des Trübsals

Jörg Königsdorf

Die Melancholie steht als produktivitätshemmende seelische Grundverfassung nicht gerade hoch im Kurs. Wer bei der Arbeit gerne mal etwas länger aus dem Fenster schaut, wird als Drückeberger verschrien, und wer es wagt, sich seinen traurigen Stimmungen hinzugeben, gilt als hochgradig depressionsverdächtig. Schon Kinder mit der geringsten Anlage zur Träumerei werden erbarmungslos mit Medikamenten zugeschüttet. In diesem melancholiefeindlichen Umfeld tut es gut, sich an die Thesen des britischen Barockphilosophen Robert Burton zu erinnern: In seiner 1621 erschienenen „Anatomy of melancholy“ lobte Burton das Übermaß an schwarzer Gallenflüssigkeit (nach der antiken Vier-Säfte-Lehre) als Ausgangspunkt der Selbstfindung. Angesichts einer desolaten gesellschaftlichen Situation zieht sich der Melancholiker auf sich selbst zurück. Ein Prozess, der aufs Engste mit der Kultur verknüpft ist: Die Auseinandersetzung mit Kultur führt zur Selbsterkenntnis und weckt sogar die eigene Kreativität. Die Beweise dafür waren übrigens Burtons Zeitgenossen allgegenwärtig: Ob Shakespeares Sonette oder die Musik John Dowlands, des wohl größten komponierenden Melancholikers überhaupt – vermutlich war das England des 16. und 17. Jahrhunderts die goldene Zeit der Melancholie. Thomas Hengelbrock, einer der kreativsten (und in Berlin eindeutig zu wenig präsenten) Köpfe der deutschen Musikszene, hat vor zwei Jahren anlässlich der Ruhr-Triennale die Thesen Burtons als Ausgangspunkt für ein musiktheatralisches Programm genommen. Die jahreszeitlich optimal getimte Wiederaufnahme der „Metamorphosen der Melancholie“ gastiert am Freitag und Samstag in der Komischen Oper – als Aufforderung, bei der Arbeit ruhig mal etwas länger aus dem Fenster zu schauen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben