Kultur : Lob des Verbots

Cecilia Bartoli in der Berliner Philharmonie

Christine Lemke-Matwey

Fast könnte man bei dem Programm auf böse Gedanken kommen: Der Bann nämlich, den der Vatikan im 18. Jahrhundert in Rom über die Oper verhängte, die Prohibition, sie hat verdammt viel gute Musik hervorgebracht. Weil wahre Kunst am Widerstand wächst? Weil allem Sklavensprachlichen stets mehr Reiz innewohnt als allem, was erlaubt ist und gefällt?

Als späte Anwältin jener „opera proibita“ (die gleichnamige CD ist bei Decca erschienen) macht Cecilia Bartoli in der Berliner Philharmonie zackigen Stiletto-Schritts von Anfang an eines klar: Sie will, dass das Publikum diese Musik liebt – und sie schafft es. Wohl auch, weil die Dramaturgie, die Abfolge rascher und langsamer Nummern, verhangenerer und gleißender Farben, pastoraler und heroischer Themen einen Sog entfaltet, dem bei aller Sprödigkeit nicht nur Barock- Fans erliegen. Zweieinviertel Stunden und viele Blumenbouquets später jedenfalls ist der ganze Saal davon überzeugt, dass es nie einen erotischeren Komponisten gegeben hat als Antonio Caldara, keinen beseelteren als Alessandro Scarlatti und wenig gewitztere als Händel.

Bartoli wagt unerhört viel im Repertoire der barocken Affekte. Ein Ausbund an Energie und Disziplin, diese Frau, eine Sängerin, die gelernt hat, dass alles halsbrecherische Kapriolentum wie in Scarlattis „L’alta Roma“ zu Beginn nur dann wirkt, wenn auch die Stille, die folgt, etwas wert ist, das Innige, Leise, Schmerzerfüllte (fast exhibitionistisch in seiner Nacktheit: Caldaras „Vanne pentita“).

Entsprechend schutzlos, ja sich die Brust aufreißend, steht Bartoli auch da, das Orchestra La Scintilla der Oper Zürich in ihrem Rücken gleichsam mit dem Zucken einzelner Schultermuskeln befeuernd und dirigierend. Schade, dass das gestische Engagement der auf historischen Instrumenten spielenden Musiker weit mehr versprach, als Technik, Rhetorik, Intonation schließlich einzulösen vermochten. Wer etwa begleitete eigentlich wen in den Arien aus Händels „Il Trionfo del Tempo e del Disinganno“? Die Oboe die Bartoli oder die Bartoli die Oboe?

Am allerschönsten: Scarlattis „Caldo sangue“ mit Piani wie an der Perlenschnur gezogen, ja wie hinter dichten Novembernebelbänken über den Tiber grüßend. Und Caldaras Arie der Heiligen Franziska („Sì, piangete“), in der Bartolis herber, ausdrucksgieriger Mezzosopran mit perfekter Phrasierung einen Ernst heraufbeschwört, so viel glühende Passion, dass einem ganz kathedralisch zu Mute wird.

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