Kultur : Lob des Widerrufs

Sokratisch gut: Umberto Eco denkt über Stephen Hawkings weise Löcher nach

Jan Schulz-Ojala

Irren ist nicht nur menschlich, sondern auch wissenschaftlich. Findet Umberto Eco angesichts des jüngsten Wirbels um Stephen Hawking. Dass der britische Astrophysiker unlängst seine einst bahnbrechende Theorie der Schwarzen Löcher in Teilen widerrufen habe, hält Eco für „keineswegs außergewöhnlich“. Schließlich glaube moderne Wissenschaft nicht, das Neue habe immer Recht, sondern funktioniere nach dem Fehlbarkeitsprinzip des trial and error, erklärte Eco jetzt im italienischen Wochenblatt „Espresso“.

Womit der Schriftsteller und Semiotikprofessor eine zeitgemäße Position in einem Italien bezieht, dessen katholischer Klerus vor Jahrhunderten noch einen Giordano Bruno verbrennen ließ, weil der eine unabweisbare wissenschaftliche Tatsache nicht widerrufen hatte. Jetzt also lobt Eco den Briten Hawking für sein freiwilliges Eingeständnis eines Irrtums – und empfiehlt, nunmehr in allen „nicht fundamentalistischen und nicht konfessionellen Schulen“ über die Prinzipien moderner Wissenschaft nachzudenken.

Anders als zu Zeiten der „Fortschrittsideologie“ des 19. Jahrhunderts, derzufolge die „Geschichte stets zum Besseren und zur triumphalen Verwirklichung ihrer selbst schreitet“, hält sich die Wissenschaft laut Eco heute an den Zweifel. „Sie korrigiert sich dauernd selber, falsifiziert ihre Hypothesen und gibt ihre Irrtümer zu,“ erklärt der Schriftsteller. Dabei sei ein misslungenes Experiment genauso viel wert wie ein gelungenes, „weil es beweist, dass ein Weg korrigiert oder ganz von Neuem gegangen werden muss“. Diese Denkweise stelle sich „jedem Fundamentalismus, jeder wörtlichen Auslegung sakrosankter Texte, jedem dogmatischen Verfechten auch der eigenen Ideen“ entgegen. Diese „im alltäglichen und sokratischen Sinne gute Philosophie“ sollte man in der Schule lehren.

Stephen Hawking hatte dieser Tage seine 1976 vorgestellte Theorie der Schwarzen Löcher im All dahingehend revidiert, dass sie nicht alles zerstören, was sie in sich aufsaugen, sondern sehr wohl Energie und Informationen wieder abgeben. Wie dem wissenschaftlich auch sei: Die kreative Energie eines Umberto Eco haben sie schon einmal mit zerebralem Gewinn gespeist.

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