Kultur : Lobet den Herrn und hoffet auf den Senator

Carsten Niemann

Die Senatsverwaltung für Kultur hat in Sachen Laienchorförderung die Katze aus dem Sack gelassen: Alles bleibt beim Alten. So lautet jedenfalls das Fazit, das man nach der ersten Vergabe von Fördermitteln an die Berliner Laienchöre unter Mitwirkung der neuen Jury ziehen darf. Noch zu Jahresbeginn hatte es so ausgesehen, als würden mit der Singakademie zu Berlin und dem Berliner Konzertchor zweien der traditionsreichsten Zuwendungsempfänger die Mittel gestrichen. Jetzt bleiben die Höhe und Verteilungsschlüssel der Fördermittel in der kommenden Saison weitgehend unverändert. Der Leistungsdruck, unter den die Konzertchöre geraten sind, dürfte trotzdem für Spannung sorgen. Doch der Reihe nach.

Die Zahl der Berliner Chöre wird auf über 700 geschätzt; rund 220 im Berliner Sängerbund organisiert. Eine schier unübersehbare Vielfalt an Größe, Zusammensetzung und künstlerischer Zielrichtung. Kinder- und Kirchenchöre gehören dazu, das Singen in Lesben- und Lehrerchören, Pop- und Post- und Philharmonischen Chören kann Hobby, Lebensmittelpunkt oder beides sein. Der Sängerdachverband ist dem Senat seit langem etwa die Hälfte seines Etats für die Laienchorförderung wert: 1 058 000 Euro. Auch dieses Jahr wird der Sängerbund 480 000 Euro u.a. für Ausfallbürgschaften, Konzertsaal-Mieten, Reisekostenzuschüsse oder Chorleitergänge zur Verfügung haben.

Einen Sonderstatus unter den Amateurchören genießt ein Dutzend großer Konzert- und Oratorienchöre, die ihre Aktivitäten seit 1995 in der Chöre-AG koordinieren. Sie treten regelmäßig im Konzerthaus und der Philharmonie auf, vor allem mit großen chorsinfonischen Werken. Den "Messias", das "Weihnachtsoratorium", den "Paulus" an geheiligter Stätte singen: Dafür heißt es hart proben, im Durchschnitt zwei Mal in der Woche. Und zahlen: Bis über 10 Euro kann dem sangesfreudigen Studenten oder Arbeitslosen der ermäßigte monatliche Chorbeitrag kosten. Für die Leistungen, welche die Großen an diesen beiden Aushängeschildern unter den Konzertstätten Berlins erbringen, werden einige von ihnen mit der zweiten Hälfte der Förderungsmillion unterstützt. Doch die Kriterien sind umstritten.

Das Geld geht an die Großen

Die älteren unter diesen Ensembles leisteten in den Jahren nach dem Krieg einen entscheidenden künstlerischen Beitrag zum Wiederaufbau des Kulturlebens. Nach der Wende erhielten drei der großen Westberliner Chöre weiterhin einen bedeutenden Anteil an den Fördergeldern: Der Philharmonische Chor, der Konzertchor Berlin und die 1791 gegründete Sing-Akademie zu Berlin. Aus dem Osten der Stadt kam die Berliner Singakademie hinzu.

Doch nach der Wende wurde das Prinzip der Verteilung immer lauter hinterfragt. Besonders die aufstrebenden jüngeren Chöre kritisierten, dass sie bei vergleichbaren Leistungen leer ausgingen. So stemmte etwa die 1985 von Etta Hilsberg gegründete und ehrenamtlich geleitete Camerata vocale als erster nicht institutionell geförderter Chor eine Abonnementsreihe. Verärgert zählten die Mitglieder der neuen Chöre mit, wie etwa die Singakademie zu Berlin ihre Leistung durch beträchtliche Mengen bezahlter Aushilfen aufbesserte: Für viele ein Doping, das mit dem Gedanken des Amateurmusizierens nichts mehr zu tun hatte. Eigenleistung, so ihr Fazit, zahlt sich nicht aus.

"Anarchisch und nicht leistungsorientiert" - so empfand auch Alice Ströver (Grüne) die Vergabe der Fördermittel. Als sie Kulturstaatsekretärin des rot-grünen Senats wurde, brachte sie daher ein neues Fördermodell auf den Weg. Im September 2001 wurde eine fünfköpfige Jury unter anderem aus je einem Vertreter von Konzerthaus und Philharmonie eingesetzt. Sie sollte nach dem Modell der freien Tanz- und Theaterszene Empfehlungen für eine dreistufige, leistungsorientierte Förderung aussprechen: "Institutionelle Förderung" als Übernahme des Geschäftsbetriebs eines Chors, "Basisförderung" für Infraktur wie Probensaalmieten oder Chorleiterhonorare, "Projektförderung" für Konzertvorhaben.

Nachdem die Jury getagt hatte, zeigte sich selbst Alice Ströver von der "Radikalität" der ersten Vorentscheidungen "schockiert". Doch dem Votum wollte sie sich beugen. Im November 2001 teilte sie Konzertchor und Singakademie zu Berlin mit, dass die institutionelle Förderung von über 100 000 Euro "aufgrund der mangelnden künstlerischen Leistung bereits über einen längeren Zeitraum hinweg" zum Ende der Konzertsaison 2001/2002 eingestellt werde. Doch während bei den Abgestraften Ratlosigkeit herrschte, kam der Regierungswechsel.

Und ein langes Bangen, denn erst am Freitag verkündete die Kulturverwaltung von Senator Flierl (PDS) das überraschende neue Votum. Wieder sollen es die vier Platzhirschen "Berliner Singakademie", "Philharmonischer Chor", "Berliner Konzertchor" und die "Singakadmie zu Berlin" sein, welche von der institutionellen Förderung in Höhe von zusammengerechnet 390 000 Euro profitieren. Insgesamt 140 000 Euro teilen sich die Berliner Cappella, die Camerata Vocale, der Karl-Forster-Chor, der Studio-Chor Berlin und die Berliner Domkantorei an Basis- und Projektfördermitteln.

Nun darf gerätselt werden, wie sich die Berufung auf das Votum der Jury mit der Versicherung verträgt, dass "ausschließlich" jene Konzert-und Oratorienchöre gefördert würden, "die bereits in den vergangenen drei Jahren ein hohes künstlerisches Leistungsvermögen bei der Aufführung chorsinfonischer Werke unter Beweis gestellt haben". Im Falle des Konzertchors hat die Angst des Kultursenators vor der Courage der Jury durchaus eine Berechtigung: Immerhin hatte der Chor fast gleichzeitig mit der neuen Jury einen neuen Leiter und eine neue Stimmbildnerin verpflichtet. Außerdem kann der Konzertchor auf die Arbeit seines Kinder- und Jugendchors pochen, die von früheren Kultursenatoren wie Roloff-Momin oft nur "geduldet" worden sei. Heute ist Jugendarbeit ein kulturpolitisches Plus.

Alle Fakten müsen auf den Tisch

Zumindest im Bereich der institutionellen Föderung ist die künstlerische Leistung wohl kaum das alleinige Kriterium. Die Tradition, ein großer Name, gar Milieuschutz oder Entwicklungsperspektiven spielen eine Rolle. Doch für die Chöre, denen das neue Fördermodell erstmals die Chance zum Aufstieg zu bieten schien, müssen diese Kriterien transparent sein, um Frust und Neid zu vermeiden. Mehr als ein Grund, sich nicht mit einem Juryvotum zufrieden geben, sondern auf eine "kritische Würdigung" zu pochen. Die Bedeutung der Tradition, der Eigenleistung, des Profils: Alles, was eine Rolle spielt, muss offen auf den Tisch, um die bösen Überraschungen auszuschließen. Und wenn Leistung tatsächlich im Vordergrund steht, dann ist auch zu fragen, ob nicht auch ganz neu organisierte Chöre in den Kreis der Förderanwärter aufgenommen werden müssten: Dann, wenn sie ihre Arbeit nicht auf wöchentliche Probentermine ausrichten, sondern, wie etwa die Berliner Bach-Akdemie, ihre projektbezogenen Arbeitsphasen dem flexiblen Freizeitverhalten vieler jüngerer Menschen anpassen.

Der Wettstreit hat also erst begonnen. Und je klarer die Vorgaben sind, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass er dort durchgeführt wird, wo es der Steuerzahler auch wirklich will.

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