Kultur : Loblieder künftiger Zeiten Eine Bilanz des Berliner Ultraschall-Festivals

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Was ist Musik, und wozu brauchen wir sie? Die zentrale Frage des diesjährigen Ultraschall-Festivals prägte das Abschlusskonzert. Im soeben 80 Jahre alt gewordenen Haus des Rundfunks präsentierte das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter der Leitung von Lukas Vis höchst unterschiedliche Musiksprachen. Auf dem sicheren Terrain der Klangfarbenkomposition bewegt sich der Italo-Schweizer Oscar Bianchi. Das „Ajna Concerto“ von 2010, inspiriert von buddhistischem Denken, fließt geschmeidig dahin und zerstäubt in glitzernde Farbpartikel – ohne dabei eine persönliche Handschrift zu erreichen.

Die 37-jährige Polin Joanna Wozny zeigt mehr Mut zu Ecken und Kanten. „Loses“ bezieht sich auf Begriffe wie „beziehungslos“ oder „richtungslos”, trotzdem entsteht ein Spannungsbogen, ein Wechselbad der Emotionen. Mit Luigi Dallapiccola steht diesen Vertretern der jungen Generation ein Klassiker gegenüber. Vergessenes auszugraben gehört zu den Prinzipien des Festivals. „Three Questions and two Answers“ berührt durch Melodik in delikater Farbigkeit, die sich beim spannungslosen Dirigat nicht voll entfalten kann. Die Landsmänner des Niederländers Vis mögen es dagegen vital: Sowohl Matthijs Vermeulen mit „Dithyrambes pour les temps à venir“ – Loblieder künftiger Zeiten – (1963) als auch Richard Rijnvos mit „Union Square Dance“ für zwei identische Orchester (2008) versuchen sich an ausgeklügelten Überlagerungen.

„Schreibe nur die Noten, die du hören willst“, lautet Rijnos’ Bekenntnis. Das Festival als Gemischtwarenladen, aus dem sich jeder das Passende aussuchen kann? In neunzehn Konzerten, darunter 22 Ur- und Erstaufführungen, wurde heterogene Vielfalt geboten. Allein schon die Fokussierung auf kleinere Spezialensembles, wie sie sich seit der Gründung des Ensemble Modern vor Jahren herausbildeten, trug dazu bei. Wie die Qualität der Interpretation davon profitierte, zeigte etwa das junge Boulanger-Trio, das die exzeptionellen Klaviertrios von Mauricio Kagel mit Klangstudien Matthias Pintschers in erhellende Beziehung setzte. Der Zusammenschluss junger Tonsetzer in der Gruppe „Stock 11“ zeigte erfrischende experimentelle Ansätze, aber wenig überzeugende Musik. Ein Lichtblick dafür der als „composer in festival“ gehandelte Däne Simon Steen-Andersen. Sein Portraitkonzert mit dem norwegischen Ensemble „Asamisimasa“ faszinierte mit frappierenden Analogien von Visuellem und Akustischem. „In jedem wirklichen Kunstwerk ist die Idee des Neuen inbegriffen“, zitierte Dallapiccola Leonardo da Vinci. Isabel Herzfeld

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