Kultur : Loch im Herzen

Heute in Barcelona: der Europäische Filmpreis

Jan Schulz-Ojala

Eigentlich sind die Deutschen diesmal nicht dran. Schließlich hat Wolfgang Beckers internationaler Hit „Good Bye, Lenin!“ erst letztes Jahr in Berlin abgeräumt beim Europäischen Filmpreis – und damit Konkurrenten wie „Dogville“ oder „Swimmingpool“ abgehängt. Andererseits: War das nicht zugleich der erste Erfolg der Deutschen seit Erschaffung dieser Trophäe 1988, und liegen nicht die Italiener, die Briten, Dänen, Spanier mit ihren bis zu vier Euro-Filmtrophäen nicht immer noch fett vorn?

Flugs wäre, so gesehen, für Deutschland doch ein Nachholbedarf da. Und so wäre es nur recht und billig, wenn zur 17. Runde des Preissegens diesmal Fatih Akin jubeln dürfte. Schließlich ist sein Berlinale-Gewinner „Gegen die Wand“ gleich fünf Mal nominiert: als Film, für Akins Regie, sein Drehbuch und die Schauspieler Birol Ünel und Sibel Kekilli. Die Favoritenrolle allerdings bei der heutigen Zeremonie in Barcelona muss er sich mit zwei Spaniern teilen: Fünfmal nominiert ist auch Pedro Almodóvars „La mala educación“ – wobei der Spanier erst 2002 mit „Sprich mit ihr“ ganz oben war.

Ebenfalls in fünf Kategorien geht Alejandro Amenábars „Mar adentro“ an den Start (bei uns ab März im Kino): Das auf einem realen Fall beruhende Rührstück über Sterbehilfe, Javier Bardem spielt darin einen todessüchtigen und zugleich sinnenfrohen Querschnittsgelähmten, gewann unlängst in Venedig den Silbernen Löwen. Anrührendes, auch melodramatisches Kino bieten diese drei Hauptfavoriten allemal. Auch Christophe Barratiers „Die Kinder des Monsieur Mathieu“, der in Deutschland schon über 800 000 Besucher anzog, macht da keine Ausnahme: Das Loblied auf pädagogische Herzensgüte in einem finsteren französischen Internat wurde dreimal nominiert.

Mit der Nominierung für seine grandiose Hauptdarstellerin Imelda Staunton tritt Venedig-Sieger „Vera Drake“ an – auch dieser Film von Mike Leigh ist ein Rührstück im guten Sinne, geht es doch um eine selbstlose Engelmacherin im Nachkriegsengland, die in die Mühlen der Justiz gerät. Nur Lukas Moodyssons „A Hole in My Heart“, der letzte und in keiner Nebenkategorie nominierte Film, ist alles andere als ein Rührstück. Allerdings dürften das auf Digitalvideo gedrehte Werk des Schweden nur wenige der 1600 abstimmungsberechtigten Mitglieder der European Film Academy gesehen haben: Auf der vom 17-köpfigen Vorstand und einigen Beratern zusammengestellten Auswahlliste von 40 Filmen, die per DVD- und Videopaket zur Sichtung verschickt wurden, war er nicht genannt.

„A Hole in My Heart“ ist ein rohes Werk, das vier Personen jenseits aller Ekelschwellen in einem schmutzigen Hochhaus-Apartment zu einer Art Gewalt- und Porno-Dschungelcamp zusammentreibt. Schwer vorstellbar, dass eine Mehrheit der Academy-Mitglieder dieses provokative Werk Filmen wie „5 x 2“, „Schau mich an“, „Die fetten Jahre sind vorbei“ oder sogar „Agnes und seine Brüder“ vorgezogen hätte, die auch allesamt auf der Auswahlliste standen und nun leer ausgehen. Der Vorstand nominierte Moodyssons harten Außenseiter-Film kurzerhand nach, und so hat die Zeremonie ihr strukturelles Skandälchen, schon bevor sie beginnt.

Mag sein, dass der Vorstand so zumindest eine imponierende Spannweite des europäischen Filmschaffens aufreißen wollte; sein an den Oscars angelehntes Verfahren aber verwässert er nur. Die mit anderweitigen Hypotheken belastete Deutsche Filmakademie, die nächstes Jahr erstmals den Deutschen Filmpreis verleiht, wird aus diesen Pannen nur lernen können.

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