Kultur : Lodernde Landschaften - eine Ausstellung des Bildhauers und Zeichners

Klaus Hammer

Er hat zwei Drittel des vergangenen Jahrhunderts gelebt und erlebt, der 1930 in Dresden geborene und seit den 60er Jahren in Berlin und im Brandenburgischen lebende Bildhauer Wieland Förster, der zugleich ein bedeutender Zeichner und sensibler Schriftsteller ist. Als 20-Jähriger wollte er Figuren schaffen, die von der Würde des Menschen Zeugnis geben. Da lag eine fast vierjährige Haft im NKWD-Sonderlager Bautzen hinter ihm, das erkämpfte Studium an der Dresdner Kunstakademie noch vor ihm. Er sei Bildhauer geworden, weil er "an ganz bestimmten Grundverletzungen litt, mit denen ich sehr schwer fertig geworden bin ... Es war der Versuch, aufzuarbeiten, was an Erschütterungen von der Zeit her in mich eingedrungen ist".

So entstanden seine Gemarterten und Verzweifelten, Hoffenden und Liebenden, Martyrium und Ecce homo, die Frau als Symbol des Naturhaft-Unzerstörbaren und der vom Leben gezeichnete Mann, Torsi als eine Form der Konzentration auf das Wesentliche, als "Porträt des Leibes". Förster hat Biographisches in bildhauerische Metaphern übertragen, die das Persönliche ins Allgemeingültige, das Empfinden eines Einzelnen in die existenzielle Erfahrung Vieler hebt. "Großes Martyrium", schon 1979 vollendet, aber erst 1994 in Frankfurt / Oder aufgestellt: Vier kopfunter hängende Körper verschmelzen zu einem Klumpen Fleisch. In Paar-Kompositionen wird jener unerlöste Widerspruch von Leben und Tod auf zwei Figuren übertragen. Mit der dritten und vierten Penthesilea-Fassung setzt er aufragende Zeichen, gleichwertig Mann und Weib, als Symbol schöpferischer Potenz. Der Körper wird zur lodernden Landschaft und diese wiederum zu organischem Leben.

Man muss erst durch die Höllen der Festigkeit hindurchgegangen sein, sagt der heute seinen 70. Geburtstag feiernde Künstler, um von tragischer Gespanntheit zu arkadischer Gelassenheit zu gelangen. Die "Nike" von 1998 scheint durchs Feuer gegangen, der Körper mit Narben bedeckt, und doch hat die symbolische Gestalt eine tänzerische Beschwingtheit gewonnen, die aus der "Altersfreiheit" des Künstlers gewachsen ist. Dieser Hoffnung auf Überleben steht als seine letzte Arbeit der gehäutete Marsyas gegenüber. Mit dieser Polarität wird ein Jahrhundert, ein Lebenswerk beschlossen, das uns ins neue Säkulum begleitet als noch immer offene Frage nach der Würde des Menschen.Die Galerie Forum Amalienpark, Amalienpark 8, zeigt eine vom Künstler zusammengestellte Retrospektive. Bis 19. 2.; Mi-Fr 16-19 Uhr, Sa 14-17 Uhr. Am 16. 2., 19 Uhr, Lesung mit Förster im Rathaussaal Pankow.

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