Kultur : Lodernde Leidenschaften: José Cura und Maria Guleghina begehren sich

Frederik Hanssen

Wir wissen nicht, welche Temperaturen im Juni 1998 in Mailand herrschten. Die Nächte aber waren heiß im Teatro alla Scala: Das läßt sich jetzt nachhören auf der neuen "Manon Lescaut"-Einspielung Riccardo Mutis. Mag der Ausdruck "Live-Mitschnitt" für eine aus mehreren Abenden gemixtes Produkt auch etwas hoch gegriffen sein, die Tontechniker haben ganze Arbeit geleistet. Bei diesem satten, durch dezente Bühnengeräusche authentifizierten Raumklang fühlt sich der Hörer wirklich "mittendrin statt nur dabei". Muti zeigt auf packendste Weise, warum Puccini gerade mit "Manon Lescaut" seinen Weltruhm begründen konnte. Immerhin forderte er mit seiner 1893er Version des Stoffes keinen Geringeren als den beliebten französischen Komponisten Massenet heraus, dessen "Manon"-Vertonung seit 1884 im Siegeszug um die Welt ging. Doch während Massenet ein Meisterwerk der Opéra Comique voll Eleganz und Koketterie geschaffen hatte, glaubte Puccini den "modernen Weg" gefunden zu haben: "Massenet sah das Stück als Franzose, mit Puderquaste und Menuetten, als Italiener fühle ich dabei vor allem verzweifelte Leidenschaft."

Und genau danach klingt die Oper auch bei Muti: So unmittelbar, so organisch entfaltet sich das Raffinement des Puccinischen Realismus, dass mehr passiert als sonst an gelungenen Puccini-Abenden: Die Musik reproduziert nicht nur täuschend echt die vermeintliche Wirklichkeit, sondern sie beginnt zu leben, zu hypnotisieren. Die Musiker spielen, als seien sie direkte Nachfahren der Protagonisten, als sei die tragische Story dieser übermenschlichen Liebe Teil ihrer Familiengeschichte - und auch bei José Cura greift die Rollen-Identifikation zu hundert Prozent. So wenig der Argentinier mit dem derzeit weltweit erotischsten Tenor sonst durch Geschmackssicherheit auffällt, hier kann er seine Gaben einmal zur vollen Entfaltung bringen. Sein kraftstrotzendes, jugendliches Ungestüm, seine Lust am Schluchzen, Schreien, Stöhnen - alles darf er im Gefühlstaumel dieser Aufführung ausleben. Seine Partnerin Maria Guleghina ist stimmlich dagegen schon etwas reif für die Kindfrau Manon der ersten beiden Akte und ihre Pianotöne wackeln bedenklich - aber im Finale, wenn Dramatik gefragt ist, erweist sich ihre vokale Divengestik als höchst effektvoll.Giacomo Puccini: Manon Lescaut. Chor und Orchester der Mailänder Scala, Riccardo Muti

Deutsche Grammophon

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