Kultur : Löw in Lwiw

Ein Kulturführer zur Fußball-EM.

Tobias Winstel

Der Masochismus ist in Lemberg zu Hause, darauf sollte Jogi Löw sich und seine Mannschaft einstellen. Denn Leopold Ritter von Sacher-Masoch, so etwas wie der Minnesänger des 19. Jahrhunderts, wurde dort geboren und wusste wie kein Zweiter über das triebhafte Schmerz- und Unterwerfungsverlangen der Menschen zu schreiben.

In wenigen Wochen wird die Nationalmannschaft samt ihrer leidgeprüften Bayern-Spieler im ukrainischen Lwiw ihr Quartier beziehen. Man möchte ihnen raten, den kleinen und feinen „City Cult EM 2012“-Führer (Vliegen Verlag Berlin, 120 Seiten, 7, 90 Euro), in dem sich diese wichtige Information findet, vorher genau zu studieren. Zu erfahren ist etwa auch, warum sich im Charkower Derschpróm-Gebäude, einem Musterbau des sowjetischen Konstruktivismus, während der deutschen Besatzung in den oberen Stockwerken Affen ansiedelten.

Warum verbrannte sich am 8. September 1968 der Philosoph Ryszard Siwiec vor 100 000 entsetzten Zuschauern im Nationalstadion in Warschau, in dem die Euro 2012 eröffnet wird? Hat das historische Museum für Sexualkultur in Charkiw etwas mit dem Spruch „Proletarier aller Länder, vereinigt euch“ zu tun? Was hat der Klub „Schlaflos in Breslau“ zu bieten? Warum befindet sich in Poznan eine Kopie von Adolf Hitlers Reichskanzleibüro?

Alle Austragungsorte in Polen (Warschau, Posen, Breslau, Danzig) und der Ukraine (Kiew, Charkiw, Lemberg, Donezk) sind so auf eine besondere Weise zu entdecken. Neben der Beschreibung der Spielstätten finden sich in dem Büchlein wertvolle Tipps für Sehenswürdigkeiten, historische Besonderheiten, Außergewöhnliches, Nützliches und Wissenswertes. Das Prinzip: Jeweils ein einheimischer Insider zeigt seine Stadt. Das sind junge Leute, die in der dortigen Kunst-, Kultur- und Literaturszene aktiv sind. Der Leser hat den Eindruck, von einem Bekannten eine spontane Antwort zu bekommen auf die Frage: Was muss ich gesehen haben? Aber auch: Warum bräuchte es dazu eigentlich gar keine Europameisterschaft?! So kommt zum Beispiel auch die polnische Schriftstellerin Sylwia Chutnik zu Wort, die sich über jeden freut, der gegen die EM protestiert. Sie hält sie schlicht für Geldverschwendung.

Klug gemacht ist der „City Cult EM“-Führer von Artur Jasinski und Olexiy Radynski übrigens auch für die Zeit nach dem Abpfiff. Mit einem Register zum Schmökern, mit Fotos zum Staunen. Auch ein Fußballfan hat schließlich das Recht, als Mensch behandelt zu werden. Als Mensch, der sich für Kunst und Geschichte, für gutes Essen und starke Musik interessiert. Dieses Buch spricht ihm das Recht zu. Ein Geheimtipp noch für Löw in Lwiw: Sollte er es mit seiner Mannschaft nicht bis ins Finale nach Kiew schaffen, kann er sich das Endspiel am dortigen „Bogen der Völkerfreundschaft“ ansehen. Dort soll es das beste Public Viewing geben.Tobias Winstel

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