Kultur : Löwe und Lamm

von









Björn Kern

: Das erotische Talent meines Vaters. Roman. Verlag C.H. Beck, München. 190 Seiten, 18,95 €.

In Björn Kerns neuem Roman dreht sich alles um Lust und Genuss. „Das erotische Talent meines Vaters“ ist eine Geschichte voller Maßlosigkeiten, Entgleisungen und Verlangen. Da wird reichlich getrunken und geraucht, viel gegessen und noch mehr stehengelassen, eine Orgie nach der nächsten gefeiert. Von Olivenöl triefende „Hödchen“ werden serviert, Frauen tanzen im Rausch undefinierter Kräuter mit offenen Morgenmänteln durch die Nacht, um dann ermattet und willig auf die Chaiselongue zu sinken. Szene reiht sich an Szene, atmosphärisch, impressionistisch. Eine einzige, ruhige Sequenz, könnte man sagen. Oder weniger wohlwollend: ein pointenloses Buch, opulent, aber blutleer.

Der Klappentext spricht verheißungsvoll von der „neuen, verkehrten Welt, in der die Kinder bürgerlicher sind als ihre Eltern“. Davon erzählt der 1978 in Lörrach geborene Kern aber nur am Rande. An einem freien Wochenende reist der Ich-Erzähler Philip von Berlin in sein Elternhaus an den Bodensee und findet sich bald darauf in der versifften Küche seines Vaters Jakob wieder, die schmutzigen Geschirrberge abtragend. Dessen mannigfaltige Liebschaften durchschaut er nicht, Jakobs körperliche Fitness beunruhigt ihn. Nimmt er Drogen? Auch Philips Hippie-Mutter ist überraschend von einem Selbstverwirklichungstrip zurückgekehrt. Sie will ihren Mann zurück und das Haus, in dem Möbel nicht poliert werden dürfen, damit sie nicht spießig aussehen. Björn Kerns Roman verhandelt keine großen gesellschaftlichen Themen, er ist eher eine individuelle Befindlichkeitsstudie. Es geht hier nicht um den uralten Vater-Sohn-Konflikt, sondern um einen sehr spezifischen, persönlichen. Philip sieht zu, wie sein dunkel gelockter Vater den Löwen gibt, gleichzeitig aber das Opferlamm ist, dem es nicht gelingt, den Weggang der Frau zu verarbeiten.

Zugegeben: Kerns Erzählung ist literarisch, sie wartet mit wunderschönen Sätzen auf. Die Betrachtungen sind feinsinnig, die Sprache gesiebt, die Innenschau gründlich. Martin Walser lässt grüßen. Björn Kern erzählt in dem Ton eines lebenserfahrenen Mannes, der mit der Reife des Alters in sein Erinnerungskästlein greift. Schade, dass die Jugendlichkeit des Autors es einem schwermacht, ihm diesen Ton abzukaufen. Er wirkt seltsam manieriert. Maris Hubschmid

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