Kultur : Lola mit Stola

Vor der Verleihung des 55. Deutschen Filmpreises

Jan Schulz-Ojala

Kein Zweifel, die kaum zwei Jahre junge Deutsche Filmakademie setzt an zum großen Sprung. Oder zumindest zu einem Sprung nach vorn. Wenn heute der endgültig Lola genannte Deutsche Filmpreis erstmals von der Deutschen Filmakademie vergeben wird, dann wird das alljährliche Weihefest der Branche dem Vorbild Oscar deutlich näher rücken. Und doch in einem fulminanten Detail anders bleiben: Die Lola, so schön sie funkeln mag, hat einen Sprung.

Reden wir zunächst von den freundlichen Schlüsselreizen. Dass das Kino, beruflich bitteschön ein Top-Entertainer, die bislang vom Kulturstaatsministerium ausgerichtete Sache selbst in die Hand nimmt, macht sich schon vorab positiv bemerkbar. Zunächst im deutschlandweiten Wanderfestival der kandidierenden Filme. Dann in mehr Glamour (am neuen Ort Berliner Philharmonie). In mehr Medienaufmerksamkeit im Vorfeld (heftig angeschwollener Trommelwirbel bis hin in die People-Magazine). Und, der bemerkenswerteste Durchbruch, in der Übertragung der Gala in der ARD, fast live. Wie schön, Goldene Kamera und Bambi bekommen endlich Konkurrenz.

Zweitens: Die wichtigen, schwer geldwerten Kernnominierungen der sechs Spiel- sowie je zwei Kinder- und Dokumentarfilme hätte eine kluge Jury kaum besser hinbekommen. Die 650 in der Akademie versammelten Filmkünstler und -handwerker, die die jahrzehntelang ministerial bestallten Mini-Jurys aus Filmleuten, Partei- und Kirchenvertretern ablösten, betreiben exakt jene „kulturelle Filmförderung“, die satzungsgemäß mit der Vergabe der Staatsgelder verbunden ist – zumindest in ihrem Startjahr. Und sie haben damit ihre schärfsten Kritiker, die angesichts des anonymen Nominierungsplebiszits einen Niveauverlust befürchteten, erst einmal ausgebremst.

Nicht Bully Herbigs „(T)Raumschiff Surprise“, die Kino-Massenware des Jahres, ist durchmarschiert, sondern Dani Levys rasante jüdische Komödie „Alles auf Zucker“ steht mit zehn Nominierungen als Top-Favorit da. Dafür wird Herbig, eher ein Coup als ein Trostpreis, die Veranstaltung heute abend moderieren. Und Volker Schlöndorffs streng-spröder „Neunter Tag“ folgt mit acht Nominierungen: ein regelrechter Zuneigungsbeweis. Dass wiederum der fraglos diskutable „Untergang“, Kopfgeburt und Herzensangelegenheit des mächtigen Akademie-Inspirators Bernd Eichinger, nur drei Neben-Nominierungen holte, hat viele Mitglieder nachträglich erschreckt. Da hat sich wohl mancher, als es ans Kreuzchenmachen ging, auf manchen anderen verlassen.

Andererseits: Kollektiv clever zumindest wirkt auch dies. Es hätte wohl übel ausgesehen, wenn ausgerechnet der dritterfolgreichste Film des Jahres, hergestellt im Hause Eichinger, der die knapp drei Millionen Euro für den bestdotierten deutschen Kulturpreis eisern auf die Mühlen der Akademie lenkte, etwa mit der Goldenen Lola (500000 Euro) durchs Ziel gegangen wäre. Wie es übrigens auch seltsam anmutet, wenn die Firma X-Filme, deren Geschäftsführer Stefan Arndt zugleich Akademie-Vorstandsvorsitzender ist, mit „Alles auf Zucker“ triumphieren sollte. Das ist eben der Sprung in der Schüssel: Die Vergabe des kulturförderungsgebundenen Steuergelds durch die Branche bleibt inakzeptabel. Der Einwand mag zwar mittlerweile ein wenig ermüdend wirken, ist aber so richtig wie am ersten Tag: Wenn Subventionsempfänger Subventionen einfach mal selber unter sich aufteilen, dann läuft etwas gründlich schief.

Das ist der Schatten, der auf das heute wohl besonders glamouröse Fest fällt. Es bleibt auch der Schatten über der Akademie selbst, deren ansonsten höchst begrüßenswerte berufliche Synergien sich erst richtig zu entfalten beginnen. Die Deutsche Filmakademie, das ist ihr zu wünschen, möge wachsen und gedeihen – und sich so schnell wie möglich vom fatalen Eindruck der kühlen Mitnahme von Staatsknete befreien. Die Oscars sind undotiert, die Oscar-Klone anderer großer Filmnationen und -akademien ebenso. Für die Vergabe des ministerialen Filmfördergelds durch eine eindeutig unabhängige Jury sollte sich ein anderer – warum nicht auch nobler – Rahmen finden lassen.

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