Kultur : Lolita in Kalkutta

Lauter Missverständnisse: Indische Filme in FORUM und PANORAMA

Sebastian Handke

Sehnsucht kann dem Leben ein Antrieb sein. Sie kann das Leben aber auch verhindern. Ein dominanter Vater (Mithun Chakraborty), erfüllt von der Sehnsucht nach Kusumpur, der legendären Stadt der Blumen, wird von Frau und Sohn wegen eines Missverständnisses verlassen. Der Sohn (Rahul Bose), mittlerweile erwachsen, ist sein Gegenteil: häuslich, gleichmütig, aber voller Liebe, vor allem für die beiden Kinder, die nicht von ihm sind. Seine Frau (Sameera Reddy), erfüllt von ihrer Sehnsucht nach Amerika, respektiert ihn schon lange nicht mehr. Keiner kann den Erwartungen des anderen entsprechen, sie können sich aber auch nicht darüber verständigen; aus Defätismus oder Mangel an Aufmerksamkeit.

„Kaalpurush“ ist ein weiteres Kleinod des bengalischen Autorenfilmers Buddhadev Dasgupta, eines gern und oft gesehenen Gasts der Berlinale. Dasguptas Thema ist der Kollaps menschlicher Beziehungen unter dem veränderten Sozialdruck moderner Gesellschaften (hier: das detailreich porträtierte Kalkutta). Nur im Traum ist Aussprache noch möglich, oder genauer: in der erhöhten Aufmerksamkeit des Traumbewusstseins. Vater und Sohn versuchen, eine späte Verständigung herbeizuführen. In „Kaalpurush“ ist es die träge Kamera, die das Traumbewusstsein herstellt: Immer wieder stellt sie ihre Bewegung an entscheidender Stelle ein oder beginnt gerade da; ein langsames Gleiten setzt dann ein, wie der schweigende Blick einer wissenden Instanz. Surreale Sequenzen und Anflüge trockenen Humors verstärken die melancholische Unbestimmtheit von „Kaalpurush“, dessen getragene, kluge Schönheit lange nachwirkt.

Und noch ein Missverständnis in Kalkutta. Lange genug hat es gedauert, bis die Nachbarskinder Shekhar (Saif Ali Kahn) und Lolita (Vidya Balan), Freunde seit früher Kindheit, erkennen, dass sie zusammengehören. Eines Abends werden sie von Gefühlen überwältigt und vollziehen heimlich das Vermählungsritual. Als Shekhar aber von einer Reise zurückkehrt, erfährt er von seinem Vater: Lolita hat sich mit dem Fabrikanten Girish (Sanjay Dutt) verlobt.

Pradeep Sarkars „Parineeta“ (Die Verlobte) ist bereits die vierte Verfilmung des bengalischen Romanklassikers von Sarat Chandra Chattopadhyay („Devdas“). Saif Ali Khan, bislang im Komödienfach zu Hause, führt der hiesigen Bollywood-Gemeinde in einer vielschichtigen Rolle vor Augen, dass es jenseits von Shahrukh Khans Kopfwackeln auch Schauspieler gibt in Indiens Filmindustrie. Eine wirkliche Entdeckung aber ist Vidya Balan: Ihre natürlich strahlende Präsenz bringt die Leinwand zum Leuchten – nach langer Durststrecke scheint hier wieder eine große Darstellerin des indischen Kinos heranzureifen. „Parineeta“ ist Ausstattungs- und Gefühlskino vom Feinsten: In vibrierend warmen Farben, mit zauberhaft schlichten Liedern und einer Liebesszene von lang nicht gesehener Schönheit. Seht her, Filmemacher des Westens, so macht man das! Ohne Hecheln und Rammeln.

„Parineeta“: 19. 2., 14 Uhr (Cinestar 8); „Kaalpurush“: heute 17 Uhr (International), 17. 2., 19 Uhr (Zoopalast), 18. 2., 16 Uhr (Cinemaxx 7)

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