Kultur : London Calling

Der ultimative Gute-Laune-Film: Mike Leigh über „Happy-Go-Lucky“

Mr. Leigh, „Happy-Go-Lucky“ zeigt ein leuchtendes Sommer-London – ganz anders als in „Naked“. Hat die Stadt sich verändert? Oder sind Sie Optimist geworden?

Ich drehe keine Filme über London. Okay, man sieht St. Paul’s Cathedral am Anfang, aber der Film zeigt London nicht wegen der Sehenswürdigkeiten. Warum ich in London drehe, hat ökonomische Gründe: Es ist billiger, vor Ort zu drehen. Den einzigen Ausflug, den wir uns leisten konnten, war die Szene am Meer.

Poppys Auftritt erinnert an Filme wie „The Knack … and How to Get It.“ Auch da gibt es dieses Schwungvoll-Durchgeknallte.

Ich habe Richard Lesters Stück 1967 fürs Theater inszeniert. Aber ich glaube, „Happy-Go-Lucky“ hat mehr Substanz als Lesters Film. Ich zeige ein akkurates Bild von Menschen um die 30, die heute in London leben. Das ist weit weg von der trendigen Carnegie-Street-Welt der Sixties.

Was ist denn anders im London von heute?

Ich kenne diese Welt gut, weil meine Söhne Anfang Dreißig sind. Wir sprechen über motivierte, liberale, modische, ernsthafte Menschen mit Sinn für Humor. So wie Poppy. Ich wollte, dass man Poppy am Anfang irritierend findet, um dann schnell zu begreifen, dass sie kein Luftikus ist. Sie hat nur viel Humor, und geht manchmal zu weit.

Dennoch erwartet man eine Katastrophe.

Darum ging es doch. Jedes cineastisch geschulte Publikum erwartet irgendwann eine Katastrophe. Und die gibt es ja auch. Poppy muss mit dem verstörten Jungen in der Schule klarkommen. Sie hat diese unangenehme Auseinandersetzung mit Scott. Aber sie weiß damit umzugehen.

Poppy ähnelt ein wenig Holly Golightly.

Es wäre toll, Holly Golightly zuzusehen, wie sie aus „Breakfast at Tiffany’s“ herausspaziert und herein in einen raffinierteren, weniger sentimentalen Film. Ich mag „Breakfast at Tiffany’s“ nicht besonders.

Scott ist Poppys Gegenspieler: humorlos, pessimistisch, misanthropisch. Er wirkt wie ein Wiedergänger von Johnny, der Hauptfigur aus „Naked“, nur 15 Jahre älter.

Keineswegs. Scott denkt vielleicht, dass er ein Idealist ist, aber seine Ideen sind zusammengeklaut aus allen möglichen unverstandenen Quellen. Er ist ein paranoider, abgefuckter Typ. Poppy hat mehr von Johnny: beide sind Idealisten. Johnny mag verbittert, desillusioniert sein, Poppy ist das Gegenteil. Aber Scott kann beiden nicht das Wasser reichen.

Geht es am Ende nur darum, ob einer Optimist oder Pessimist ist?

Eher darum, erwachsen zu werden. Ich hatte oft mit Menschen, vor allem Filmbürokraten zu tun, die Wutanfälle bekamen und herumbrüllten. Als Vater kenne ich solches Verhalten. Poppy kennt es auch.

Ihr Film dreht sich ums Unterrichten: Scott denkt, er wäre ein toller Fahrlehrer, Poppy ist eine wunderbare Grundschullehrerin. Hatten Sie selbst solche Lehrer?

Mich unterrichteten Menschen, die noch aus viktorianischen Zeiten stammten. Das war eine völlig andere Zeit. Aber meine Grundschule war sehr aufgeklärt. Die Probleme begannen erst später.

In Deutschland gibt es viele Diskussionen über die katastrophalen Verhältnisse an manchen Hauptschulen. Ihr Film zeigt ein anderes Schulbild.

Es gibt in England die gleiche Diskussion, ein Schuldirektor wurde sogar ermordet. Natürlich könnte man mir vorwerfen, dass ich alles verharmlose. Aber man kommt diesen Problemen nicht bei, indem man sie nur Schwarzweiß zeigt.

Die Fragen stellte Christina Tilmann.

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