Kultur : London Calling

Im Hyde Park war das Hauptquartier des Live-8-Marathons – mit Bob Geldof, Paul McCartney, Bono, Bill Gates.Und Pink Floyd

H. P. Daniels

Von 200000 Menschen ist die Rede. Könnten aber auch viel mehr sein, es lässt sich nicht mehr überblicken.

Schon auf dem Flughafen drängeln sich die Fans, die für das Live-8-Konzert angereist sind. Ein Konzert? Das ist es auch. Ein Happening? Dafür läuft es zu koordiniert. Der Pop vollbringt die größte logistische Leistung seiner Geschichte. Früher ging es um Drogen und Sex, gingen Arenen zu Bruch, kamen Menschen zu Schaden bei solchen Riesenkonzerten. Jetzt schafft der gute politische Zweck eine unwahrscheinliche Disziplin. Viele wollen Pink Floyd sehen, so alt kommt man nicht mehr zusammen. Endlich die Chance, nach über zwanzig Jahren, in denen die Band heillos zerstritten war. Doch für „The Long Walk To Justice“ wollten sie sich noch einmal zusammentun.

Lang ist der Marsch in den Hyde Park. Ein legendärer Ort. 1969 gaben die Rolling Stones hier ihr historisches Gratis-Konzert. Die Londoner Tube ist qualvoll überfüllt, die Stationen Hyde Park Corner und Marble Arc lassen sich nur in kurzen Trippelschritten verlassen. Endlose Schlangen. Unzählige, die noch Einlasskarten suchen. Punkt zwei Uhr eröffnet der wohltätigkeitserprobte Paul McCartney, Sir Paul, gemeinsam mit Bono das Programm. Mit Bläsern und allem Drum und Dran: „We’re Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band, we hope you will enjoy the show.“ Menschen aller Altersgruppen und gesellschaftlichen Schichten, Teenager tanzen ausgelassen, ältere Ehepaare singen begeistert mit. Während die ganz Kleinen auf dem Boden hocken und ihre Malbücher vollkritzeln.

Hunderte von weißen Tauben flattern von der Bühne, während U 2 Druck machen: „We got to carry each other, carry each other!“ Es geht Schlag auf Schlag. Kurze Umbaupause, nächste Band. Coldplay. Richard Ashcroft: „Bittersweet Symphony“. Fast alle spielen nur zehn Minuten. Zwei drei Stücke, die Greatest Hits. Nur der kaputte Pete Doherty, früher Libertines, später Baby Shambles, macht keine gute Figur als Gast des gut aufgelegten Elton John. „Saturday night’s alright for fight“. Alles bleibt friedlich an diesem Samstagnachmittag. Nur die Redner geben sich kämpferisch, pathetisch: „Make Poverty History!“ Dass endlich etwas getan werden müsse. Gegen den Hunger in der Welt. Die Armut in Afrika.

„We don’t want your money, we want your name!“ – „Wir wollen nicht euer Geld. Wir wollen euren Namen!“ Auf der Petitionsliste. Neben der Bühne hält der Sponsor AOL unter einem blauen Zeltdach mit Firmenlogo Laptops bereit, zum Eintrag. Der Andrang ist groß. Dann flimmern die Namen über die Bühnenleinwand. Geldof, der Live-8-Initiator, preist „unseren größten Helfer“: Bill Gates. Der Microsoft-Milliardär freut sich, die nächste Künstlerin ansagen zu dürfen: Dido. Ein schöner Auftritt, gemeinsam mit dem Afrikaner Youssou N’Dour.

Man kann nicht mal eine Viertelstunde weggehen, weil man sonst schon wieder wesentliche Programmpunkte verpassen würde: Stereophonics. REM. Deren Sänger Michael Stipe sich eine blaue Augenbinde von Ohr zu Ohr aufs Gesicht gemalt hat. Wie einer von der Panzerknackerbande. Die Musik ist ordentlich.

Können wir jetzt mal raus? Nein. Kofi Annan kommt auf die Bühne. Er fasst sich kurz. Das seien heute ja wirklich die „United Nations ... I say thank you!“ und geht. Und wir gehen jetzt auch mal schnell, oder? Nein, eben noch Miss Dynamite hören. Ihr Rapper singt von Aids in Afrika, wirbt für den fairen Handel! Fast jede Band hat etwas zur guten Sache zu sagen, und wie durch diese Veranstaltung heute die Welt verändert werde. Und immer wieder Dank an Geldof.

London war das Konzert-Hauptquartier des Welt umspannenden Live-8-Marathons. Jetzt kommt die große Live-Schaltung per Videowand. „Philadelphia, can you hear us?“ – „Rome, can you here us – say hello to London!“ – „Berlin, can you hear us?“ Eine kleine Panne: Claudia Schiffer in Berlin ist auf der Leinwand im Hyde Park nur zu sehen, aber man hört nichts. Vielleicht nicht so schlimm.

Also raus jetzt aus dem Gewühl? Noch nicht, da kommen Travis. „Why does it always rain on me?“ Der Himmel über London ist wolkenverhangen, aber es regnet nicht. Die Temperaturen angenehm. Annie Lennox singt „Sweet Dreams“ und ballt die Faust: „Stay with the cause!“ Dass man dran bleiben soll. An der guten Sache!

Aber jetzt wirklich: was trinken, was essen. Hinsetzen, ausruhen, Ohren frei. So scheinen viele zu denken. Immerhin waren das schon vier Stunden geballte Ladung bis jetzt. Endlose Schlangen an den Toiletten. Kurz nach fünf ist alles wieder frei, schlagartig. Warum rennen die plötzlich so? Drinnen gibt’s Madonna. Ganz in Weiß und mit Marlene-Hose. Und einer Truppe hüpfender Bodenakrobaten. Madonna hat etwas merkwürdig Künstliches. Computerisierte Tanzshow. Das Publikum jubelt frenetisch. Und nach drei Songs ist auch Madonna wieder weg. Irgendwie möchte man jetzt auch gehen. Reicht. Bedarf gedeckt. Nach siebeneinhalb Stunden.

Na gut, Joss Stone noch. Und die Scissor Sisters. Und die fürchterlich uncharmanten Velvet Revolver. Sting singt alte Police-Hits. Das Programm hängt zwei Stunden hinter der Planung zurück. Geldof empfiehlt, man solle vielleicht lieber nach Hause gehen jetzt. Sonst gibt das so ein Gedränge nachher. Den Rest der Show könne man sich doch bequem zu Hause im Fernsehen anschauen. Keine schlechte Idee.

Aber eigentlich ist man doch gekommen, um die Who zu sehen. Und Pink Floyd, vor allem. Also erträgt man noch Mariah Carey, staunt über den rasenden Entertainer Robbie Williams. Und dann Pete Townshend und Roger Daltrey. Mit neuen Musikern liefern die beiden Überlebenden der Who eine rasante Version von „Who Are You“ und „Won’t get fooled again“ mit den sprechenden Zeilen: „Pick up your guitar and play: just like yesterday“. Und tatsächlich klingt es ein bisschen wie früher. Wenn Towshend in die Gitarre drischt und mit dem Arm den Windmühlenflügel macht.

Plötzlich verstärktes Herzpochen im Hyde Park. Das sind Pink Floyd, in alter Besetzung, sie leben noch, sind ein bisschen grau geworden. Große Reunions hat es immer wieder gegeben, nur Pink Floyd blieben hartnäckig getrennt. Ist das jetzt Musikgeschichte? David Gilmour singt „Speak to me/Breathe“ und „Money“ vom Album „Dark Side of the Moon“ aus dem Jahr 1973. Roger Waters grinst. Aber sie sind nicht richtig zusammen. Nicht mehr wie früher. Das ist so lange her. „Wish you were here“ weht über den Hyde Park.

Und alle waren da. Wegen der guten Sache. Wegen Afrika. Weil es im 21. Jahrhundert keine Armut mehr geben dürfe. Wegen der Musik waren sie da. Zehn Stunden lang. Und am Ende stehen alle Mitwirkenden noch mal auf der Bühne mit Paul McCartney und singen: „Lah-lahlah-lada-di-dah-lah-da-di-dah – Hey Jude“. Mehr geht jetzt wirklich nicht.

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