Kultur : "London in 3 D": Britische Choreografien beim "Tanz im August"

Norbert Servos

Auffällig beim Triple Feature "London in 3 D" im Theater am Halleschen Ufer, das drei Stücke aus der englischen Szene vorstellt, ist die Vorliebe für Quadrat und Linie. Protein Dance baut sich die akkurate Grundform aus Stuhlreihen auf. Sechs Frauen und Männer in Business-Outfit betreten den leeren Raum und markieren einige Bewegungen. Noch ist unklar, ob hier ein Kongress zu tanzen beginnt oder ob einige Yuppies sich in der Freizeit zur Tanzstunde finden. Ein wenig beklommen und verlegen wirken die Herrschaften schon. Doch sobald einer barsch "Tango!" kommandiert, lassen die properen Angestellten ihren Gefühlen freien Lauf. Ihre Tänze haben allerdings mit traditionellem Tango wenig gemein. Abstruse Verwicklungen ergeben sich da. Paare, gemischte und gleichgeschlechtliche, ringen eher miteinander, als dass sie miteinander harmonierten. Die Erfüllung der gesellschaftlichen Konvention als mühseliger und grotesker Zweikampf. "Portrait With Group And Duck" von Bettina Strickler und Luca Silvestrini spielt mit Gruppenzwängen und deren Verzerrungen. Ein gut getanztes, unterm Strich eher harmloses Vergnügen.

Auch Akram Khan, Engländer bengalischer Herkunft, steuert in seinem Solo "Loose in Flight" exakte Raumpunkte an. Beheimatet in der indischen Tradition des Khatak ebenso wie im zeitgenössischen Tanz, sucht Khan nach neuen Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Genau befragt er die tradierten Bewegungen, prüft Richtungsänderungen, setzt sie zu neuen Kompositionen zusammen. Das Öffnen und Schließen des Körpers, das Ansteuern des inneren Balancepunktes sind die wiederkehrenden Motive in diesem sich rasant beschleunigenden Stück. Was es weit über andere Soloarbeiten hinaus hebt, sind Khans brillante tänzerische Fähigkeiten: Präzise, scharf auch im hohen Tempo, steht der Tänzer über der Form, die er zeigt. In zehn Minuten berührt er dabei mehr als mancher in einer Stunde.

Auf einer Lichtlinie im Bühnenhintergrund beginnt "My Big Pants" des im April verstorbenen Jeremy James, bevor es sich in den Raum öffnet. Zwei Frauen, ein Mann gestikulieren in die Bühnengassen hinein zu imaginären Partnern, ducken sich weg. Einmal mehr betritt der Zuschauer hier eine andere Welt, die vom Breakdance und HipHop inspiriert ist. In 20 Minuten entwirft James mit vier Tänzern eine andere Art der Verständigung. Nähe, Berührung geschieht unangestrengt, fast beiläufig. Die Personen scheinen von einer Sehnsucht motiviert, die kaum greifbar ist. Eine ortlose Generation tritt auf, die sich oft in Selbstumarmungen fängt und stille Zeichen memoriert. James entwickelt eine eigenständige, äußerst organische tänzerische Sprache. Nichts Dramatisches haftet ihr an. Die Zeiten des "Eurocrash", als man sich noch selbstzerstörerisch auf den Boden warf, sind in den Neunzigern überwunden. Sanfter und verspielter sind die Motionen, aber nicht leichtgewichtig ist diese Sprache, auch wenn sie in der Ausführung ruhig ein wenig mehr Feuer vertragen könnte.

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