Kultur : Londoner Millennium Dome: Der Wal ist gestrandet

Moritz Schuller

Überall von den Wänden winden sich dichte, schlauchdicke Schamhaare und mittendurch fährt eine Dackel-große Filzlaus auf kleinen Schienen. Der Eingangsbereich der "Body Zone" im Londoner Millennium Dome ist etwas ganz Besonderes: Man wandert in ein Geschlechtsteil hinein. Seit Anfang des Jahres laufen die Engländer schon durch diese Schamhaar-Halle, die von der Drogerie-Kette "Boots" gesponsert wird, klettern zum pumpenden Herzen hinauf und verlassen die "Body Zone" wieder durch den Fuß. Und die meisten fragen sich: Was soll das?

Grundsätzlich sind die Engländer ein Volk, das zu seinen eigenen Unzulänglichkeiten steht, Niederlagen trägt man mit gelassener Selbstironie. Und auch das Dom-Projekt war mit soviel Hybris betrieben worden, dass der tragische Fall eigentlich allerorten Jammer und Schauder hervorrufen müsste. Stattdessen forderte der konservative Oppositionsführer William Hague letzte Woche wieder einmal den Rücktritt des bislang dritten Dom-Ministers Lord Falconer und - falls noch etwas Ehre in dieser Regierung steckt - eine Entschuldigung vom Premierminister. Anlass war der Bericht, den der englische Rechnungshof (National Audit Office) vorgelegt hatte und in dem der Regierung ein schlechtes Management des Doms vorgeworfen wird. "Ehrgeizig" nennt der Bericht lakonisch die prognostizierten Besucherzahlen, das Finanzmanagement zudem "schwach". Hagues Attacke war leicht abzuwehren, schließlich hatte er selbst in jener Kommission gesessen, die im Auftrag der damaligen konservativen Regierung Dom-Planspiele entwerfen sollte.

Warum Tony Blair den Plan seiner Vorgänger ohnehin nicht sofort bei Amtsübernahme dem Mülleimer der Geschichte überantwortete, wird für immer sein Geheimnis bleiben. Blair stellte sich jedoch nicht nur hinter das umstrittene Projekt, er stellte es sogar in seinen Dienst: Der Dom galt fortan als die Offenbarung seiner Politik, als Tempel des Dritten Weges. Dazu gehört die mediale Inszenierung einer klassenlosen Gesellschaft: Hand in Hand mit dem Premier musste die Königin bei der Eröffnung des Doms ihre Arme zum Neujahrslied von William Byrd schwingen wie ein Fußballspieler vor dem eigenen Fanblock. Unglücklicher hat man sie selten gesehen, und auch Blair wirkte alles andere als elegant.

Der Dom sollte "die größte Show auf Erden" werden, hatte Blair getönt, "die beste Ausstellung, die die Welt je gesehen hat", der Beweis für die Leistungsstärke eines "Cool Britannia". Noch vor Eröffnung ließ er wissen, dass er den Dom im ersten Absatz seines kommenden Wahlkampfprogramms nennen werde. Doch das ist lange her. Inzwischen lastet der Dom, dessen faszinierende Hülle nur einen Millimeter dünn ist, schwer auf der Regierung. Wie ein gestrandeter Wal liegt er an der Themse, am Leben gehalten nur durch die regelmäßigen Finanzinfusionen der Regierung. Im August waren es weitere 43 Millionen Pfund, dann noch einmal 47 Millionen. Eine Milliarde Pfund hat der weiße Wal bislang verschlungen, ein Großteil davon Lottogelder, die eigentlich wohltätigen Zwecken zugeführt werden müssen. Das sind immerhin 229 Millionen Pfund mehr als ursprünglich veranschlagt. Dabei ist längst allen klar: Der Wal ist tot; es geht nur noch darum, das Gesicht zu wahren.

Da erschien das Angebot der japanischen Nomura Bank, den Dom für 105 Millionen zu übernehmen, wie die letzte Rettung. Doch kaum erhielten die Banker Einblick in die Bücher der "New Millennium Experience Company", war der Deal geplatzt. Statt der erwarteten 12 Millionen werden vermutlich kaum mehr als 5 Millionen Besucher den Dom bis Jahresende besucht haben. Zuwenig für eine kommerzielle Nutzung, zuviel aber auch für die englische Regierung, die dann jeden Besucher mit 140 Pfund subventioniert haben wird. Auch nach dem Rückzug der Japaner weigerte sich Lord Falconer zurückzutreten. Eine lang erwartete Entschuldigung strich er in letzter Minute aus seinem Redetext und verkündete schlicht, dass es "keine Aufgabe der öffentlichen Hand sei, eine große Publikumsattraktion zu leiten".

Doch das wahre Problem des Doms ist ein anderes: Er ist gar keine Publikumsattraktion. Eine Mischung aus Jahrmarkt und Expo sollte in dem großen Zelt inszeniert werden; herausgekommen ist ein Konsummekka ohne das geringste didaktische Konzept. Die Mitte des Doms ist leer; nur nachmittags wird dort eine monumentale Ballett-Show aufgeführt. Aufgereiht am Rand stehen 14 Themenpavillons. In den unendlichen Bahnen der ausziehbaren Absperrgurte bewegt man sich von der Glaubens-Zone, wo die Besucher ihre Wünsche in eine Pseudo-Klagemauer stecken dürfen, zum "Living Island", wo Kinder auf einer Strandpromenade mit echten Kieseln spielen und lernen, dass eine Spülmaschine sehr viel Wasser verbraucht. In der Body-Zone wird dem Besucher das Auge erklärt, aber nicht als technisches Wunderwerk, sondern ausschließlich als affektives Organ: Darin läuft ein Video-Clip mit einer wahllosen Melange aus traurigen und fröhlichen Szenen. In der Zone "Selbstporträt" durften Engländer auf kleinen Zetteln aufschreiben, was sie als typisch Englisch empfinden: "Das sonntägliche Mittagessen", schrieb Mrs. Pennells aus Norfolk, "Fish & Chips" ein anderer, "Sir Cliff Richard" ein Dritter. So banal sind die Antworten, dass man sich auch hier fragt, was das alles soll.

Was aus dem Dom wird, ist inzwischen wieder vollkommen offen. Die Labour-Party träumt inzwischen von einem Technologie-Park, doch die Stimmen für einen Abriss mehren sich. Als Bauland würde der Dom noch 300 Millionen Pfund einbringen. In der Zwischenzeit werden die Souvenirs verramscht: Ein Schirm mit Dom-Logo kostet statt 45 Pfund, wie noch im Januar, nur noch 9 Pfund 99, die Dom-Kulis sogar nur noch ein Drittel. Die "Dome 2000 chocolate" ist nicht heruntergesetzt, der Rat auf der Verpackung scheint auch zu wertvoll: "Lack of money is no obstacle", steht dort, "lack of an idea is an obstacle". Doch das größte Hindernis tut sich auf, wenn von dem einen viel und von dem anderen nichts vorhanden ist.

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