Kultur : Lorbeer auf Vorschuss

Der „Startup!Music“-Preis will die Karriere von Studierenden der Eisler-Hochschule anstoßen. Bei Julian Steckel hat es funktioniert

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Julian Steckel Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Julian Steckel Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Gar nicht so leicht, sich mit Julian Steckel zu verabreden. „Nach dem ARD-Wettbewerb kamen dann doch mehr Anfragen, als ich erwartet hatte“, sagt der Cellist entschuldigend, als wir uns endlich gegenübersitzen. Gleich vier Preise hat er beim bedeutendsten Wettbewerb im deutschsprachigen Raum im September abgeräumt. Danach stand sein Telefon nicht mehr still. Dabei hatte sich Julian Steckel eigentlich fest vorgenommen, nicht mehr beim ARD-Wettbewerb mitzumachen.

Beim ersten Versuch gleich nach dem Abitur war er schon früh wieder rausgeflogen. Fünf Jahre musste er warten, bis sein Instrument wieder dran war. Und dann bracht er sich das Handgelenk. „Ich war in Topform“, erzählt er. „Dann hatte ich diese irrwitzige Idee, auf einen Motorroller zu stiegen. Und zack, da war das Kahnbein kaputt, der am langsamsten heilende Knochen des menschlichen Körpers.“ Drei Monate musste er den Arm in Gips tragen.

Zum Glück blieben keine Folgeschäden zurück, bald hatte Julian Steckel sich sein altes Niveau zurückerkämpft, konnte beim Feuermann- und Casals-Wettbewerb zweite Preise erringen, bekam das Angebot, Solo-Cellist beim Rundfunk- Sinfonieorchester Berlin zu werden. Das war im Februar. Doch irgendwas arbeitete in ihm. „Ich musste es einfach noch mal riskieren, wollte mich nicht sofort in der neuen Sicherheit zurücklehnen.“ Er fordert sogar das Schicksal heraus, leiht sich im August noch einmal einen Motorroller, düst mit der Freundin durch Berlin – und kommt tatsächlich, endlich, mit einem 1. Preis aus München zurück.

Julian Steckel ist jetzt 28. Seit längerem schon möchte er ein eigenes Kammermusikfestival gründen. Er steht vor der Entscheidung, ob er weiter bei seinem kleinen, wagemutigen CD-Label aufnehmen will oder ob er sich auf die internationale Firma einlässt, die schon angeklopft hat. Und er schwärmt vom Unterrichten, kann sich gut eine Professur an einer Hochschule vorstellen.

In einem Alter, wo die Mehrzahl der angehenden Akademiker noch irgendwo zwischen Uni und Beruf hängt, weiß Julian Steckel ganz genau, wo es langgehen soll. Dabei wirkt er keineswegs überehrgeizig. Eher auf angenehm altmodische Weise strebsam. Ein höflicher junger Mann, der bescheiden auftreten kann, weil er sich seiner außergewöhnlichen Begabung sehr wohl bewusst ist.

Einen wichtigen Schub hat sein Selbstbewusstsein 2004 bekommen, als er für den „Startup!Music“-Preis ausgewählt wurde, der vom Freundeskreis der Berliner Hanns-Eisler-Hochschule verliehen wird. Bewerben kann man sich für diese Auszeichnung nicht, es sind die Freundeskreis-Mitglieder selber, die sich ein Nachwuchstalent ausgucken. „Es war eine Zeit, die ich besonders intensiv erlebt habe, mein Lehrer Boris Pergamenschikow war damals schon sehr krank, empfing uns Studenten im Krankenhaus zum Unterricht“, erzählt Steckel. „Dass da Leute waren, die an mich glaubten, die mir Vorschusslorbeeren gaben, hat mir unglaublichen Auftrieb gegeben.“

Neben einem Preisgeld von 2500 Euro beinhaltet die alle zwei Jahre vergebene Auszeichnung auch Sachleistungen, die karriereunterstützend wirken sollen, wie ein Fotoshooting, bei dem professionelle Bewerbungsfotos entstehen, oder die Produktion einer ersten Promo-CD. Beides unverzichtbar für angehende Solisten, die sich in der Szene bekannt machen wollen. Nicht zu unterschätzen ist auch die Aufnahme der Preisträger ins Netzwerk der wohlhabenden Eisler-Freunde, die in ihren weiträumigen heimischen Salons regelmäßig Hauskonzerte vor erlesenem Publikum veranstalten.

Das Preisgeld für „Startup!Music“ speist sich auch aus einem jährlichen Benefizkonzert, für das der Freundeskreis jeweils einen Klassikstar gewinnt. Diesmal ist es die Violinistin Isabelle Faust. Am 2. November spielt sie Solo-Sonaten und -Partiten von Bach im Hebbeltheater. Julian Steckel wäre gerne zu dem Abend gekommen, auch um alten Freuden Hallo zu sagen. Wenn er da nicht gerade wieder einen seiner eigenen Auftritte hätte ...

Benefizkonzert am heutigen Dienstag um 20 Uhr im HAU 1, Stresemannstraße.

Am 20. 11. ist Julian Steckel als Solo-Cellist des RSB in der Philharmonie zu erleben.

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