Kultur : Los der Heimat

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SCHREIBWAREN

Jörg Plath über fiktive

Biografien und literarische Mulattisierung

Versprochen: Alles, was Sie unter diesem Namen lesen, stimmt, buchstäblich nichts habe ich mir aus den Fingern gesogen. In dieser Kolumne geht es ja nicht zu wie in manchen Klappentexten, in denen mit Drogenerfahrungen, Haftstrafen, Fremdenlegionärseinsätzen oder gar einer Deportation nach Auschwitz für sich geworben wird. Benjamin Wilkomirski erfand sich eine Identität als KZOpfer, George Forestier, der empfindsam dichtende Söldner, war von Kopf bis Fuß die Erfindung eines Verlagslektors. Über Sinn und Unsinn solcher Fälschungen unterhalten sich heute Abend im Literarischen Colloquium (20 Uhr) Michael Angele, der Enthüllungsjournalist Karl Corino sowie die Schriftsteller F. C. Delius und Walter Klier.

Béla Balász ist als Filmkritiker, als Filmtheoretiker und -regisseur bekannt. Nun wird der Freund von Georg Lukacs und Karl Mannheim als Schriftsteller wiederentdeckt: Balász hat nicht nur Erinnerungen an eine Kindheit in Ungarn verfasst, sondern auch Feuilletons. In ihnen versichert sich ein außerordentlich waches Bewusstsein glücklich, wie unzureichend wach es ist. Hanno Loewy stellt heute im Literaturhaus den von ihm herausgegebenen Band „Ein Baedeker der Seele" (Arsenal) vor (20 Uhr).

Agus R. Sarjono ist manchem vielleicht noch vom Internationalen Literaturfestival her bekannt: wegen seines beeindruckenden, traditionell-dramatischen Vortrags von Gedichten, die auf moderne, auch satirische Weise von gesellschaftlichen Konflikten handeln. Der 1962 geborene Lyriker, der jüngste Präsident des nationalen Literaturkomitees und einer der populärsten Dichter Indonesiens, liest morgen in der Böll-Stiftung (19 Uhr), am 6.2. im Literaturforum und am 12.2. im Podewil-Salon von Britta Gansebohm (jeweils 20 Uhr) aus seinem Gedichtband „Frische Knochen aus Banyuwangi" (Galrev); in der Böll Stiftung spricht er morgen zudem über Globalisierung als „Bedrohung oder Katalysator kultureller Identität".

Das ist auch ein Thema des Schweizers Hugo Loetschers , der lange in Portugal und Südamerika lebte und von der Vermischung der Kulturen erzählt. „Kann man auch mit blauen Augen sehen?" fragt in „Die Augen des Mandarin" (Diogenes) ein chinesischer Mandarin, der zum ersten Mal einem Europäer begegnet. Loetscher hat Jeroen Dewulf zu dem Begriff „literarische Mulattisierung" inspiriert, worüber sich beide am 6.2. in der Literaturwerkstatt unterhalten (20 Uhr).

Nicht der Ferne, sondern der Vergangenheit wendet sich Reinhard Jirgl in seinem neuen Roman „Die Unvollendeten" zu. In drastischen Bildern und den Jirglschen Blut-, Schweiß- und Kotze-Tiraden erzählt er von vier Frauen, die 1945 aus dem Sudetenland vertrieben werden. Ausgerechnet Jirgl an der Seite von W. G. Sebald, Günter Grass und einiger anderer, die der deutschen Opfer literarisch gedenken wollen? Heimatvertriebene und Kollektiverinnerungsverwalter sollten sich nicht zu früh freuen. Jirgl, der am 6.2. um 20 Uhr im Literaturhaus liest, kümmert sich nicht um die Heimat, ihn interessiert allein die Heimatlosigkeit.

Zonenkinder? Junge Talente? Nein, ganz einfach „Neueste deutsche Literatur". So superlativisch lautet jedenfalls der Untertitel. Darüber steht aber dann doch „Der wilde Osten" (Fischer Taschenbuch), und dessen Bewohner Franziska Gerstenberg, Paula Schneider, Johannes Lindhorst und Tom Schulz fallen am 8.2. um 21 Uhr im Roten Salon der Volksbühne ein, um… nun, um aus ihren Jugenderinnerungen zu lesen.

Zu Judith Hermanns lang erwartetem Nachfolgeband zu „Sommerhaus, später", zu „Nichts als Gespenster" (S. Fischer), ist eigentlich alles gesagt worden. Nur noch soviel: Sie füllt am 10.2. die Sophiensäle (20 Uhr).

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