Kultur : LOST IN POP: KUNSTTHEORIE ALS RETRO-PHÄNOMEN

Bodo Mrozek

Zwei Fernseher stehen auf einer Art Jahmarktsbühne, darin erscheint ein Mann mit Mütze. Es ist der DJ Westbam. Er wolle nicht mehr nur auflegen, sondern auch mal remixen, sagt er. Aber die Zeit sei noch nicht reif dafür. Zurück in die Vergangenheit: Wir sind im Jahre 1992. Auf dem anderen Bildschirm lärmt die Tödliche Doris. Die Fernsehbilder von Rolf S. Wolkenstein und Christopher Dreher, der auch schon Musikvideos drehte, entstammen laut Packungsbeilage der Fernsehdokumentation „Lost in Music“. Auf der Biennale sind sie auch irgendwie Kunst. Viele haben sich in den vergangenen Jahren an die Popmusik angebiedert. Romane etwa, die nebenbei mal einen Popsong zitierten, meinten, sie würden so selbst zu Pop. Die Kuratoren der Biennale erliegen dem Umkehrschluss: Sie stellen ein Video in eine Galerie – und schon wird Pop zu Kunst. Der Besucher fühlt sich aber nur an das nostalgische Wiedersehen mit alten „Formel eins“-Videos erinnert. Für Jüngere ist es Schulfernsehen.

Unterm Dach dasselbe in Lila: Im Zentrum einer Geschichtswerkstatt mit Holzkisten, die die Assoziation Ikea wecken, stehen wieder Fernseher. Diesmal wohnen Frauen darin, die sich für den Rythmus von Maschinen begeistern. Eine quält Geräusche aus sich heraus, dazu blubbert ein Synthesizer. Die Gebrauchsanweisung an der Wand behauptet im Proseminarstil, dass „gerade Frauen mit ihren dezidiert performativen Ansätzen die interessantesten Impulse in der elektronischen Musik geben und Geschlechterklischees dekonstruieren“. Da ist dann alles Retro: die Ästhetik, die Theorie und die Musik sowieso. Die Aussage selbst bleibt in der männlich geprägten DJ-Kultur ein frommer Wunsch. Was fehlt, ist der Abschaltknopf.

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