Kultur : Lost in Translation

Die Übersetzer sind der Buchbranche zu teuer. Nun wehrt sie sich gegen das Urheberrechtsgesetz

Jörg Plath

Das liebe Geld entzweit die nettesten Paare. Den Buchverlegern und den Übersetzern ergeht es nicht anders, seit sie sich wegen des Urhebervertragsrechts über Honorare streiten. Ohne einander können sie nicht, miteinander ebenso wenig. Es herrscht angestrengtes Schweigen. Man sieht sich vor Gericht, grüßt eisig und macht in der Presse aus seinem Herzen keine Mördergrube. Alarmiert von ersten Urteilen zu ihren Ungunsten, wollen die Verleger nun die Politiker bitten, das Gesetz zu ändern. Doch bei Zerwürfnissen unter Paaren halten sich Dritte am besten zurück, und so reagieren auch die Rechtsexperten aller Bundestagsfraktionen abwartend.

Schließlich erinnern sie sich noch gut an die überaus heftigen Kontroversen, die der Verabschiedung des Urhebervertragsrechts im Januar 2002 vorausgingen. Es sichert den 250 000 Übersetzern, Autoren, Journalisten, Bildreportern und Komponisten, die meist zwischen 10 000 und 20 000 Euro brutto jährlich verdienen, einen gesetzlichen Anspruch auf „angemessene Honorare“ zu. Die Branchen sollen Vergütungsregeln ähnlich einem Tarifvertrag aushandeln. Bei den belletristischen Autoren ist das schon geschehen, bei Film, Zeitungen und Zeitschriften laufen Verhandlungen. Gescheitert sind sie bei den Übersetzern, die vom Gesetzgeber ausdrücklich als unterbezahlt angesehen werden. Um die seither geschlossenen Verträge überprüfen zu lassen, zogen die Übersetzer vor Gericht, und die Verleger kündigten an, notfalls bis zum Bundesgerichtshof zu gehen.

Nun haben sie ihre Meinung geändert und wollen die Politik bemühen: Gerichte könnten nicht „die Frage der ,angemessenen Vergütung‘ von Übersetzern beurteilen“. Anlass für den Strategiewechsel ist der Schrecken über neun Urteile der ersten Instanz, die Übersetzern allesamt höhere Honorare zusprechen. Übersetzer sollen am Verkauf der Bücher mit einem Prozent, bei Auflagen ab 20 000 Exemplaren mit zwei Prozent vom Ladenpreis beteiligt werden. Von den so genannten Nebenrechten (für Verwertungen des Buchs als Film, Taschen- oder Hörbuch), die sich Autor und Verlag bisher teilen, erhalten sie 25 Prozent. Das ist weniger, als die Übersetzer gefordert, aber mehr, als die Verleger geboten hatten.

Was bedeuten diese Zahlen? Hanser- Verleger Michael Krüger legte vor wenigen Tagen in der „FAZ“ dar, dass die Übersetzerin des 104 000 Mal verkauften Bestsellers „Zusammen ist man weniger allein“ von Anna Gavalda mehr als doppelt so viel verdienen würde: statt knapp 30 000 fast 71 000 Euro. Bei einem weniger gut verkauften Roman wie Stefan Chwins „Der goldene Pelikan“ (9445 Exemplare) steige das Übersetzerhonorar gar von 7700 auf 26 250 Euro. Beinahe jede Übersetzung, warnte Krüger, werde zum Verlustgeschäft. Die Zahl ausländischer Bücher auf dem deutschen Markt werde abnehmen – zum Schaden von Lesern, Verlagen und auch den Übersetzern selbst.

Gerlinde Schermer-Rauwolf, die Vorsitzende des Übersetzerverbands, hat darauf entgegnet, Übersetzer würden nur beteiligt, wenn die Verlage gut verdienen: Hanser habe mit Gavalda bis zu 1,5 Millionen Euro Umsatz gemacht und ebenfalls von den Nebenrechten profitiert. Ihre Behauptung, die hoch gerechneten Honorare seien falsch, ist jedoch ihrerseits nicht korrekt – Krüger hat nur aus Gründen der Diskretion die Lizenzeinnahmen nicht offen gelegt. Es kämen wohl tatsächlich erhebliche Kostensteigerungen auf eine Branche zu, die meist wenig Geld verdient und mit Bestsellern schwer verkäufliche Bücher subventioniert.

Sollen deshalb die Übersetzer zurückstehen? Der Gesetzgeber war nicht dieser Meinung, und vorerst sieht die Politik keinen Grund einzugreifen. Spürbar sind die Befürchtungen, das komplizierte Geflecht des vor vier Jahren mühsam errungenen Kompromisses auf Bitten einer Branche wieder aufzudröseln. Was sollte auch geändert werden? Das Gesetz sieht gemeinsame Vergütungsregeln vor, diktiert aber nicht deren Inhalt. „Es müssen zunächst die verbleibenden Chancen für den Abschluss kollektiver Verträge genutzt werden“, sagt Günter Krings (CDU). Hans-Joachim Otto (FDP) wird die Bundesregierung auffordern, bis zum Sommer einen Bericht über das Urhebervertragsrecht vorzulegen.

Es sieht so aus, als ob sich Verleger und Übersetzer zusammenraufen müssen. Andernfalls wären nicht zuletzt Leser und Öffentlichkeit die Leidtragenden. Denn auf dem Buchmarkt käme abhanden, was auch er dringend braucht: Ideen und Lösungen aus dem Ausland.

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