Kultur : Lothar rennt

HARALD MARTENSTEIN

Als Berti Vogts den Kram hinwarf, dachten alle als erstes an Helmut Kohl.Das ist Kohls Ende, dachten wir, Bertis Abgang ist die Mutter aller Metaphern.Als dann die Doppellösung verkündet würde, zwei Chefs, Erich Ribbeck und Uli Stielike, dachten wir an die Große Koalition.Zwei Bundestrainer, Erich und Uli: also kommt eine Große Koalition.Wir haben zu einfach gedacht.

Was sich zur Zeit im deutschen Fußball abspielt - die wirre Kandidatensuche, die halbgare Lösung, das mafiöse Drumherum -, es erinnert nur noch an Rußland.Ein vollkommen morsches System.Egidius Braun, der 73jährige DFB-Chef, ist unser Boris Jelzin.Falls das Ganze, wie so oft im deutschen Fußball, ein Menetekel für die deutsche Politik sein sollte, dann mündet die Ära Kohl in Chaos, Agonie, Depression.Es herrscht Endzeit.Wir treiben im Meer des Wahnsinns, mit Kurs auf die Insel Schlamassel.

Die Doppel-Lösung ist Wahnsinn.Zwei Bundestrainer: das kann so wenig funktionieren wie zwei Bundeskanzler.Der eine, Uli Stielike, ist wie Berti Vogts.Berti II: nicht sehr kommunikativ, hölzern, konservativ, unkreativ, hart im Geben und im Nehmen, ein weiterer Repräsentant der sogenannten deutschen Tugenden.Wenn Berti I gescheitert ist, dann kann Berti II es erst recht nicht richten.Aber der DFB will die Defizite von Berti I ausgleichen, indem der DFB Berti II einen Vorgesetzten zuordnet, der all das kann, was Berti I nicht konnte.Mit anderen Worten: Erich Ribbeck kann gut sprechen und klug gucken.Sein letzter Arbeitgeber war Bayer Leverkusen, wo er allerdings Anfang 1996 nach 15 Spielen, in denen nur ein einziger Sieg zustandekam, entlassen wurde.Danach hat er sich auf die Insel Teneriffa zurückgezogen, sein Spitzname: Robinson Crusoe.Der Sportbeauftragte des Bayer-Konzerns wird in der "Süddeutschen Zeitung" mit folgender Bemerkung zu Ribbeck zitiert: "Wenn man was Positives sagen will, dann, daß dem DFB eine Überraschung gelungen ist." Ribbeck, 61 Jahre alt, entspricht gerade nicht dem Typus des energiegeladenen älteren Herrn, der es der Welt nach einer ungerechten Niederlage noch einmal zeigen will, wie damals Otto Rehhagel nach seiner Niederlage bei Bayern München.Otto brannte damals auf einen neuen Job, Ribbeck hat sich aufs Altenteil begeben.Und beide, Ribbeck wie Stielike, wissen, daß sie für ihren Arbeitgeber nur dritte Wahl sind.

Wenn es um einen Posten dieses Kalibers geht, dann wird mit mehreren Kandidaten verhandelt.Eine normale Sache.Egidius Braun sprach mit Paul Breitner.Beide wurden sich einig.Dann hat Braun nach ein paar Stunden einen Rückzieher gemacht, weil er ein Breitner-Interview entdeckte, in dem Breitner Brauns Kopf forderte.So ist er nämlich, der Paul.Wußte Egidius Braun denn nicht, mit wem er es zu tun hat? Ja, es war dumm, Paul Breitner den Bundestrainer-Posten anzutragen.Aber nicht, weil Breitner ein böser Bube ist.Sondern deshalb, weil er über keine nennenswerte Erfahrung als Trainer verfügt.Die Nationalmannschaft ist kein Job für Seiteneinsteiger.Vielleicht hatte Egidius Braun mit dem Jost-Stollmann-Effekt spekuliert.Dumm, sehr dumm.

Und über allen, der Pate des deutschen Fußballs.Die "Bild"-Zeitung."Bild" hat Vogts abgeschossen, in einer schulmäßig durchgeführten Kampagne.Vorher hat "Bild" dem Bundestrainer Vogts Lothar Matthäus und danach Stefan Effenberg in die Mannschaft hineinkampagnert, beides Fehlentscheidungen.Sie zwingen den Trainer zu den Fehlern, die sie ihm hinterher vorhalten.Jetzt schießt die Zeitung Egidius Braun ab.Schlagzeile von gestern: "Tollhaus DFB.Es reicht, Herr Braun!" Denn "Bild" befindet sich mit Franz Beckenbauer und Bayern München im Bunde, das zusammen mit anderen eine private Fußball-Europaliga einrichten will, eine Goldgrube für zwei oder drei deutsche Vereine, aber das Ende der alten Bundesliga.Der DFB leistet Widerstand.Deshalb muß Braun weg.Fehler macht er genug.Brauns Nachfolger wird ein Geschöpf von "Bild" und von Bayern München sein.Jede Wette darauf.Schon Breitner wäre ein Bayern-Mann gewesen.

Endzeitstimmung.Die Fußball-Weltmeisterschaft hatte gezeigt, daß die deutschen Spieler Probleme haben - Phantasielosigkeit, ein gewisses Ausgebranntsein.Jetzt kommen zum Spielerproblem ein Doppeltrainerproblem und ein Reformstauproblem hinzu.Denn Berti Vogts kann man vieles vorwerfen, aber nicht, daß er keinen Reformwillen zu erkennen gegeben hätte.Berti Vogts war reformwillig bis an die Grenze der Selbstverleugnung, er hat sogar mit brasilianischen und türkischen Spielernamen jongliert.Die Türken vor Korschenbroich! Erich Ribbeck aber verkündet als erste Maßnahme die Rückkehr von Lothar Matthäus.Berti Vogts stürzen, um Lothar Matthäus zurückzukriegen? Wahnsinn.

Immerhin, ein paar Wochen vor der Bundestagswahl haben wir ein Thema, das die Menschen zu erregten Diskussionen verführt.Der Fußball ist zum Politik-Simulator geworden.Fußball empört.Im Fußball gibt es, anders als in der Politik, noch rebellische Typen (Breitner), personelle Alternativen (Netzer, der intellektuelle Gegentyp zu Vogts, Otto Rehhagel, der Gegentyp zu Beckenbauer), es gibt klare Reformprojekte und halbwegs klare Fronten.Fußball ist so, wie Politik einmal war.Und "Bild", das keine erzkonservative Zeitung mehr ist, probiert seine Macht ersatzweise am Fußball aus.

Jeder weiß, daß es so nicht weitergeht.Insofern gibt es doch eine Parallele zwischen Helmut Kohl und dem Fußball: Selbst wenn Kohl die Wahl noch einmal gewinnt, seine Zeit ist vorbei.Und selbst wenn Erich Ribbeck Lothar Matthäus noch einmal aufstellt, seine Zeit ist vorbei.Es muß etwas Neues beginnen, auch wenn es wehtut.Es muß.

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