Kultur : Lotterie der Lieder

Kai Müller überlässt alles dem iPod und nichts dem Zufall

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Es ist schon wieder passiert. Mein iPod hat zwei mal hintereinander Lieder der schottischen Band Franz Ferdinand gespielt. Wissen Sie, wie groß die mathematische Wahrscheinlichkeit für eine solche Häufung ist? Klein, sehr klein (ich könnte es ausrechnen, wenn ich wüsste, wie). Seit ich den iPod so einstelle, dass er Songs aus den über tausend Titeln der Audiothek eigenständig und in zufälliger Reihenfolge auswählt, „schüttelt“ er meine Plattensammlung durch, zerpflückt die Alben, überrascht mich mit verwegenen Konstellationen. Aber obwohl ich Franz Ferdinand gut leiden kann, mag mein iPod sie noch lieber. Ich frage mich, warum? Wer den iPod als TJ (Tunes Jockey) benutzt, macht eine erschütternde Erfahrung: Der Zufall ist nicht zufällig. Tücke? Oder Vorsatz?

„Newsweek“-Autor Steven Levy ist der Sache mit dem Zufallsgenerator in seinem Buch zur Geschichte des iPod, der jetzt fünf Jahre alt wird, auf den Grund gegangen. Er nennt es den LTBSD-Faktor (Length of Time Before Steely Dan), nach der Zeitspanne, die zwischen zwei Steely-Dan-Songs verstreicht. Es komme vor, erzäht er, dass iPod-Nutzer ihrem „Shuffle“-Programm telepathische Fähigkeiten zuschreiben, weil es immer genau die Songs auswähle, die sie gerade hören wollen. Andere meinen erkannt zu haben, dass das Gerät sich nach Wochentagen richtet (Sonntag morgens Balladen). Und einer erzählt, dass immer, wenn die Freundin das Zimmer betrat, Bob Dylan erklang. Levy kommt zu einem interessanten Schluss. Unser Gehirn ist nicht geeignet, mit Zufälligkeiten umzugehen.

Schon Einstein, dessen Gehirn es ja wohl wissen muss, meinte, Gott würfele nicht. Es bedarf eines Algorithmus, um ihn in die Welt zu setzen. Das „Shuffle“- Programm mischt das Songarchiv wie einen Stapel Spielkarten, das heißt, es legt eine Reihenfolge fest, bei der es nicht darauf ankommt, ob ein Titel gespielt wird oder nicht, sondern nur, wie lange man auf ihn warten muss. Doch kann uns kein Apparat, keine mathematische Regel so sehr verwirren wie die eigene Emotion. Die Unvorhersehbarkeit eines Ereignisses wird zum Mysterium, sobald wir – wie bei einem Song – etwas mit ihm verbinden. Ein Parfum, einen Kuss, die Einsamkeit einer Autofahrt. So hat iTunes die nächste iPod-Generation mit einem „Smart Shuffle“ ausgestattet. Nun können die Bedingungen der Willkür vom Nutzer definiert werden. „Wir machen den iPod weniger chaotisch, um ihn chaotischer wirken zu lassen.“

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