Kultur : Lotus, Hippies und Granatäpfel

Nach 30 Jahren auf Deutsch: Mit Bruce Chatwin in Afghanistan

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Im Jahre 1970, noch ehe Krieg und Trümmer das Bild des Landes bestimmten, machten sich ein klassischer Archäologe aus Oxford und der junge Forscher Bruce Chatwin gemeinsam auf die Reise nach Afghanistan. Der Archäologe, Peter Levi, Jesuit jüdischer Herkunft, war auf den Spuren der raren Zeugnisse griechischer Antike (!) in dem zentralasiatischen Land, Chatwin begleitete ihn. Levi – der im Jahr 2000 starb – veröffentlichte 1972 in England seinen Reisebericht, der jetzt, dreißig Jahre später, zum ersten Mal auf deutsch erscheint – aus gegebenem Anlass.

Das Buch zeigt das Afghanistan eines britischen Forschers, weitgehend ohne den üblichen kolonialen Blick, und seltsam changierend zwischen den Hippie-Symbolen der 60er und 70er Jahre und der zärtlichen, fast schwärmerischen Leidenschaft eines Gelehrten, der die Zeichen der Vergangenheit sammelt und in ihnen liest. Verzeihen lässt sich, dass Levi bei der Typisierung der Tadschiken oder Paschtunen Generalisierungen einflicht – bei den Beschreibungen Einzelner finden sie sich nicht.

Levi entziffert die Schrift der Prachtbauten, Keramiken, Gefäße, er zitiert die Lyrik des achten Jahrhunderts - und das gesamte Inventar einer Welt der Seidenstraße und des Handels, mit ihrem ausgeprägten Sinn für Ästhetik und Natur. Eine Welt voller Sprachen – und voller Gartenanlagen, in denen Granatäpfel wachsen, Maulbeerbäume, Aprikosen, Melonen, Tulpen und Lotus. Dazwischen schieben sich Bilder des schon damals zu beobachtenden, fortschreitenden Zerfalls.

Ein vollkommen anderes Afghanistan entsteht beim Lesen, als das der Nachrichtensendungen und Features von heute. Wie sich Kulturen treffen, mischen, einander befruchten und bekämpfen, in dem „Einwanderungsland“ Afghanistan, wie persische, chinesische, türkische, usbekische, mongolische Zeichen das Land prägen, das lässt Levi aufscheinen aus dem Füllhorn seiner Kenntnisse. Sein ruhiges, an den Erzählrändern britisch-ironisches Buch ist alles andere, als eine Reportage.

Es ist eine reiche Hommage an die Kultur Afghanistans, an die Archäologie und an den (1989 gestorbenen) originellen Freund Chatwin, mit dem Levi Diplomaten und Basarhändler besucht, und einen britischen Drogenfreak mitschleppt, den sie wieder loswerden müssen. Manchmal scheint es, als sei seit 1970 ein Jahrhundert vergangen – hier wie dort. Caroline Fetscher

Peter Levi: Im Garten des Lichts. Mit Bruce Chatwin durch Afghanistan. Carl Hanser Verlag, München/Wien, 2002. Aus dem Englischen von Jörg Trobitius. 340 Seiten, zahlreiche Fotografien Chatwins, 23, 50 Euro.

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