Lou Reed ist tot : Das Monster

Keine Melodien und keine Träume: Lou Reed war gnadenlos in seinem Furor. Zum Tod des großen Rockmusikers.

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2012 trat Lou Reed noch in der Zitadelle in Berlin-Spandau auf.
2012 trat Lou Reed noch in der Zitadelle in Berlin-Spandau auf.Foto: dpa

Wenn es jemanden gibt, der längst hätte tot sein müssen, dann doch wohl er. Oder anders, vornehmer ausgedrückt mit den Worten eines lange vor ihm Gestorbenen: Wer außer Lou Reed hätte es so lange überlebt, sich selbst so lange als öffentliches Ärgernis zu inszenieren? Der Rockkritiker Lester Bangs ist an dieser Frage verzweifelt. Denn selbst, wenn man voraussetzt, dass Ego ein Schlüsselwort der Gegenwart ist, dass Menschen gewillt sind, sehr viel auf sich zu nehmen für die Anerkennung der Massen, fällt es doch schwer zu begreifen, wie jemand sein eigenes Ego permanent so finster ausmalen und alles Düstere auf sich vereinen kann. Er sei, schrieb Lester Bangs über Reed „ein total entarteter Perverser und erbärmlicher Todeszwerg“.

Lou Reed – Tod einer Rock-Legende
Lou Reed 2012 bei einer Ausstellung in Frankfurt am Main. Der US-amerikanische Rockmusiker starb am Sonntag im Alter von 71 Jahren.Alle Bilder anzeigen
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28.10.2013 10:49Lou Reed 2012 bei einer Ausstellung in Frankfurt am Main. Der US-amerikanische Rockmusiker starb am Sonntag im Alter von 71...

Als um kurz nach sieben am Sonntagabend die Nachricht rumgeht, dass Lou Reed „gestorben sein soll“, die Agentur ist sich zunächst nicht sicher, kann sie bei Lou Reed auch nicht sein, da heulen im nächsten Moment die Alarmsirenen im Redaktionsgebäude auf. Echt.

Uuiiieeeuuiiieee.

Kein Witz. Uuiiieeeuuiiieee.

Lou Reed hätte das wahrscheinlich gefallen. Seinetwegen auch, klar. Aber vor allem des Lärmes wegen, der sämtliche Kollegen auf die nachtschwarze Straße treibt. Denn er konnte das, dieses Uuiiieeeuuiiieee!!!. Einen Song namens „Fire Music“ hat er geschrieben. Aber was heißt schon Song? Und geschrieben?

Krach, Sirenen, heulen

„Fire Music“ war eine dreiminütige Krach-Orgie, ein Gebet aus E-Gitarren, über die eine Herde von Wildpferden hinwegzugaloppieren schien. Erbärmlichster Lärm. Unendlich nervig. Aus dem monumentalen Opus „The Raven“, Lou Reeds Versuch, seinem Lieblingsdichter Edgar Allan Poe ein musikalisches Denkmal zu setzen, ragte das Stück erratisch heraus. Uuiiieeeuuiiieee.

Man hörte es damals, 2003, als Kommentar auf 9/11, auf die Sirenen in den Straßen New Yorks, die in wilder Eile zum World Trade Center jagten. Lou Reed hatte sie heulen hören. Und etwas in ihm heulte mit. Aber seine Verletzung als jemand, der in New York geboren worden war, 1942 in Brooklyn, der dieser Stadt alles verdankte, dass er beinahe umgekommen und dann zur unsterblichen Rock’n’Roll-Figur geworden war, das konnte er natürlich nicht zeigen. Das verbarg er in Lärm. Vielleicht betäubte er es auch in diesem Lärm, im Aufjaulen der „Fire Music“, einem lodernden sich selbst verzehrenden Klang. „Am besten“, riet er einmal, „steckt man seinen Kopf in den Lautsprecher. Lauter, lauter, lauter.“

Lou Reed: Ein grober Klotz? Oder zu empfindlich?

Aber das war eben die Schwierigkeit mit Lou Reed, man wusste es nie so genau. War er ein grober Klotz? Oder zu empfindlich, als dass er sich mit der Welt wie ein vernünftiger Mensch hätte verständigen können? Trieben ihn Selbsthass und Verbitterung an? Gar die Hybris des Vollkommenen, der nur eben nicht verstanden wird? Oder die Sehnsucht, dass hinter den mitleidlosen Klängen seiner besten Songs vielleicht doch so etwas wie ein liebenswertes Dasein wartete?

Da waren nicht nur die Drogen, die zerstörerischsten. Secobarbital, Heroin. Immer, wenn Lou Reed gerade mit einer Sache Erfolg gehabt hatte, machte er sie mit dem nächsten Schritt wieder zunichte, bis er bei „Metal Machine Music“ angelangt war, einem auf Albumlänge gestreckten Noise-Manifest. Es hörte sich an, als hätte Reed sämtliche seiner E-Gitarren in Verstärker gestöpselt und wäre einfach aus dem Raum gegangen, endlose Feedback-Schleifen zurücklassend. Weiter konnte man nicht gehen in dem Bemühen, eine Störung zu verursachen. Der Gitarrist hatte begriffen, dass sein Instrument ohne ihn auch schon Musik macht.

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