Lou Scheper : Jonglieren mit Licht

Freigeist und Traumtänzerin: Das Bauhaus-Archiv erinnert an die Malerin Lou Scheper.

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Schneller Strich: „Berliner Straße“ entstand 1937, nachdem Lou Scheper mit ihrem Ehemann Hinnerk Scheper aus Moskau nach Berlin zurückgekehrt war.
Schneller Strich: „Berliner Straße“ entstand 1937, nachdem Lou Scheper mit ihrem Ehemann Hinnerk Scheper aus Moskau nach Berlin...Foto: Bauhaus-Archiv

Ihr Erfindergeist war so rege, dass die Malerin Lou Scheper-Berkenkamp für ihre Arbeiten eine eigene Genre-Bezeichnung erfand. „Phantastiken“ nannte sie ihre kleinformatigen Zeichnungen und Aquarelle und konnte damit nicht besser in Worte fassen, was nun als Retrospektive im Bauhaus-Archiv zu sehen ist: ein ganz eigener Bilder-Kosmos aus geradezu kindlicher Fantasie. Da tauchen „Himmelskühe“ auf, die die Milchstraße beliefern, heizbare Hunde, Ungeheuer mit Staubsaugerrüssel, das hohe Ross und Gaukler, die mit Licht jonglieren. Lou Scheper-Berkenkamp, geboren 1901 in Wesel, ist nicht nur eine zu Unrecht vergessene Künstlerin des Bauhauses. Sie beweist zudem, dass die Schule auch Freigeister hervorbrachte, die weniger streng formal-ästhetisch dachten, als man heute glaubt.

Lou Scheper stand im Schatten ihres Mannes Hinnerk. Er war Maler, Farbgestalter und am Bauhaus unter anderem Leiter der Wandmalereiabteilung. Später, nach Kriegsende, arbeitete er in Berlin als Konservator und Leiter des Amtes für Denkmalpflege. Mit seinem Namen ist Nachkriegsgeschichte verknüpft, vor allem der Wiederaufbau zahlreicher Gebäude der Stadt. Das gesamte traumtänzerische Werk seiner Frau wird nun – dem reichen Privatarchiv der Familie mit zahlreichen gut erhaltenen Blättern sei Dank – erstmals von den Anfängen als Bauhaus-Schülerin bis zu ihrem Tod 1976 präsentiert. Die Ausstellung ist Teil der Veranstaltungsreihe „Bauhaus weiblich“, die sich dem Leben und Werk der Bauhäuslerinnen widmet.

Lou Schepers Stil ist fein und detailverliebt. Ihre Figürchen und abstrakten Landschaften erinnern an naive Malerei und folkloristische Kunst. „Es ist verlockender, auf Luftlinien zu balancieren, als fest auf dem Dogma zu sitzen“, stellte sie einmal fest. Das war ihr Lebensmotto. In ihren ganz frühen Arbeiten erkennt man noch den Einfluss der Lehrer Paul Klee oder Lyonel Feininger. Aber spätestens mit den Kartografien geht sie einen eigenen Weg: Sie stattete die Welt nicht nur mit Fabelwesen und rätselhaften Anmerkungen aus, die teilweise in Sütterlin die Zeichnungen durchkreuzen. Sie formt sie auch zu eigenen Landkarten. „Lebensreise“ lässt sich als Wegweiser lesen, der von Kindheitshausen über das Unschuldsdorf bis zum Kussfeld und über Trauungsstadt hinaus abzuwandern ist. Er entsteht in einer prallen Lebensphase, 1923, ein Jahr nach der Hochzeit mit Hinnerk und dem Jahr der Geburt des ersten von drei Kindern, Jan. Die Künstlerin steuert Bühnen- und Kostümentwürfe für Oskar Schlemmers Theater bei und zeichnet Kinderbücher mit fantastischen Geschichten, die im Leipziger Ernst-Wunderlich-Verlag erscheinen. Zwei von ihnen werden nun anlässlich der Ausstellung nachgedruckt.

Besonders beeindruckend sind Schepers liebevolle Briefe an Freunde und Kollegen. Darunter finden sich so gut wie keine nüchternen Nachrichten – und wenn, dann verpackt in humorvoll und poetisch verdichtete Zeilen. Schrift, Zeichnung und Collage ergeben ein Gesamtkunstwerk, in das man sich lange versenken kann. Dabei offenbart sich die Künstlerin als humorvolle und warmherzige Frau. So schreibt sie 1928 an Walter Gropius und seine Frau Ise mit einer Anspielung auf die Lehren des Bauhauses: „Wenn ihr diesen Brief nicht lesen könnt – schadet nichts – wenn er nur hübsch aussieht. Nicht jeder, jede, jedes kann functionell sein ... immerhin fängt der Brief links oben an.“ Gegenüber ihrer Freundin und Bauhäuslerin Gunta Stölzl kokettiert sie: „Ausrufungszeichen sind mein einziges Ausdrucksmittel für meine Gefüüüüüühle gegen für über dich mich euch uns alle!!!“

Als Lou Scheper ihrem Mann von 1929 bis 1931 nach Moskau folgt, wohin dieser als Spezialist für Farbplanung in der Architektur berufen worden war, ändert sie plötzlich ihren Stil, greift zu schwarzer Tusche, zu Erd- und Rottönen und zeichnet mit schnellem, freiem Strich die leeren auszehrten Gesichter von Bettlern, Krüppeln, alten Frauen und Bauarbeitern, kurz: die Armut der Menschen. Auch als die Eheleute 1934 zurück nach Berlin ziehen, bleibt die Malerin bei der düsteren Farbpalette – nur, dass sie sich jetzt menschenleerer Stadtansichten annimmt, so als sagten die aufgerissenen Häuserfronten und kahlen Straßenecken schon genug über die Bewohner und das Leben in der Stadt.

Als Ehemann Hinnerk Scheper 1957 stirbt, orientiert sich Lou erneut künstlerisch um, auch um den Lebensstandard halten zu können. Schon am frühen Bauhaus in Weimar hat sie in der Werkstatt für Wandmalerei gearbeitet, jetzt entwirft sie Farbkonzepte für Häuser in Westdeutschland und West-Berlin, darunter die Innengestaltung von Hans Scharouns Philharmonie. Auch für die Staatsbibliothek hatte sie die Farbgestaltung erdacht. Lou Scheper stirbt jedoch, bevor sie umgesetzt werden konnte.

Bis 14.1., Klingelhöferstraße 14, Mi-Mo 10-17 Uhr, Katalog 19 Euro

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