Kultur : Louis Lortie eröffnet seine Serie im Berliner Kammermusiksaal

Isabel Herzfeld

Eine Einspielung sämtlicher 32 Klaviersonaten von Beethoven, gar ihre zyklische Aufführung im Konzert - geht das heute überhaupt noch? Ist nicht mit den Aufnahmen von Arrau bis Pollini, vom Geheimtipp Annie Fischer in den Hungaroton-Schubladen ganz zu schweigen, alles gesagt, auf einem vielleicht nicht mehr erreichbaren Höchststand pianistischer Kunst? Der zur Zeit in Berlin lebende Kanadier Louis Lortie wirkt von solchen Skrupeln ganz unbelastet. Beethoven, so erklärte er unlängst, wecke in ihm einfach positive Energien, pure Lust auf Klavierspiel. Auch der Gewinn des Busoni-Wettbewerbs und ein weiterer Preis im nicht minder renommierten Leeds-Wettbewerb geben Anlass, dem Vierzigjährigen eine hochklassige, persönliche Sichtweise zuzutrauen. Hört man in die gegenwärtig bei Chandos entstehende Gesamtaufnahme hinein, so besticht klares, transparentes Klavierspiel von leichtflüssiger Eleganz, mit warmen, sensiblen Nuancen, ohne eitle Mätzchen.

Auf dem Konzertpodium ist das nicht so eindeutig. Für den Eröffnungsabend seines Gesamtzyklus im Kammermusiksaal der Philharmonie hat Lortie fünf ausschließlich frühe Werke in nahezu chronologischer Reihenfolge zusammengestellt. Damit macht er es sich schwer. Ob nun die eröffnenden Dreiklangsfiguren als c-moll oder f-moll-"Raketen" in den Himmel schießen, motorische Final-Rasanz sich in Akkorden oder Arpeggien ausspricht - irgendwann ermüden auch Beethovens immer neue, im Frühwerk noch weniger individuell ausgeprägten Gestalten des immer Gleichen. Vielleicht meint Lortie dem Spannungsverlust durch überraschende, nicht immer motiviert erscheinende Details vorzubeugen, etwa wenn er in der C-Dur-Sonate op. 2 Nr. 3 die kurz vor Schluss des Kopfsatzes harmonisch irritierenden Arpeggien im Pedalnebel bedeutsam anschwellen lässt oder im Adagio die romantischen Effekte einer extremen Dynamik auskostet. Oder er setzt auf Spontaneität, glaubt Wiederkehrendes immer anders spielen zu sollen, wie die mal mit, mal ohne Ritardando angesteuerten Fermaten-Klänge der Es-Dur-Sonate op. 31 Nr. 3, oder die mal scharf, mal nachlässig genommenen Punktierungen der kleinen c-moll-Sonate. Doch darunter leidet die Konsistenz der klassischen Form - zuviel Romantik hat den Sinn für musikalische Architektur abhanden kommen lassen. Warum legt Lortie einmal ein knackiges Scherzo hin (op. 31,3), ist aber im Pendant (op. 2,3) wie erstarrt? Im frühen f-moll Werk (op.2,1) gelingt ihm ein flexibel atmendes, in singendem Ton dennoch unverzärteltes Adagio, während im schwankenden Adagio molto des Nachfolgewerks (op. 10,1) nicht einmal der Grundpuls klar ist. Ein schwerfälliger Mittelteil steht neben einem wunderbar meditierend ausgehörten Anfang des langsamen Satzes der "Pathétique", deren Kopfsatz, trotz groß vorgezeigter rhythmischer Bewegung, ziemlich ereignislos bleibt.

Am Handwerk kann es nicht liegen, Fähigkeiten, die weit über bloße technische Bewältigung hinausreichen. Wohl aber bleibt die Stilistik oft unklar - Klassik oder Romantik, Fisch oder Fleisch? Auf die folgenden Sonatenabende darf man gespannt sein.

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