Kultur : Love, Aids, Love

Im Angesicht des Todes: Die Kunst-Werke Berlin erinnern an „General Idea“

Nicola Kuhn

Niedlich liegen sie nebeneinander im Kinderbett, wie drei Babys. Doch das Harmlose täuscht. Die rosigen Säuglinge sind ausgewachsene Männer, die da mit Kulleraugen allerliebst zum Betrachter aufschauen. Die kindliche Rolle – alles nur gespielt, trotz fast perfekter Mimikry. Auch das Barthaar schimmert noch durch. Die naive Hoffnung auf den Neugeboren-Zustand entspricht schon eher der Wirklichkeit. Das Selbstporträt von AA Bronson, Felix Partz und Jorge Zontal entstand fünf Jahre nach Bekanntwerden der Krankheit Aids. Da hatte das kanadische Künstlertrio „General Idea“ bereits etliche Arbeiten über Homosexualität und die Immunschwäche produziert, humorvoll und subversiv. Auch das Bild „Baby Makes 3“ verfremdet mit einem Lacher die Wirklichkeit. So unschuldig geht es nie mehr zu im Bett – weder zu zweit noch zu dritt.

Noch einmal fünf Jahre später hörte „General Idea“ zu existieren auf. Die bedeutendste kanadische Künstlervereinigung, die seit Ende der Sechzigerjahre ihr Land mit zahllosen Multiples, Magazinen, Performances, Fotoaktionen, Installationen und Gemälden auf die internationale Landkarte der zeitgenössischen Kunst gesetzt hatte, zerbrach, woran sie seit Mitte der achtziger Jahre intensiv gearbeitet hatte. Binnen weniger Monate starben 1994 Felix Partz und Jorge Zontal an den Folgen von Aids. Der Dritte im Bunde, AA Bronson, ging in die innere Emigration, wurde zum Masseur und Heiler.

Mit einer gewaltigen Erinnerungsausstellung hat er sich nun zurückgemeldet. Nach einer Tournee durch zahlreiche kanadische Städte und einer ersten europäischen Station im Münchner Kunstverein ist die 300 Objekte umfassende Retrospektive „General Idea Editions 1967 – 1995“ seit gestern in den Berliner Kunst-Werken zu sehen. Ein Vermächtnis, zu dem allerdings nur Zugang hat, wer die Codes und Anspielungen dieser wohl eigenwilligsten Künstlergemeinschaft des späten 20. Jahrhunderts versteht und lesen kann.

Trotzdem arbeitete „General Idea“ auch fürs große Publikum. Schließlich hatten sie sich bei ihrer Gründung in den Kopf gesetzt: „Wir wollen berühmt, glamourös und reich sein. Mit anderen Worten, wir wollten Künstler sein . . .“ So gehört zu den bekanntesten Werken des Trios, das seine Ursprünge in einer WG in Toronto hat und bis zuletzt auch zusammenlebte, ein Label, das sich sofort erschließt. Das berühmte „Love“-Gemälde von Robert Indiana wandelten sie ab in den Begriff Aids. Die poppige Reaktion der Hippie-Generation auf ihre verklemmten Eltern, die Kampfansage freier Liebe, entzauberten sie durch den Austausch von vier Buchstaben.

Die Berliner Kunst-Werke haben die Hauptwand ihrer großen Ausstellungshalle mit diesem Plakat tapeziert, das Ende der Achtzigerjahre in New York auf der Bildfläche erscheint und plötzlich auf Hauswänden, Bauzäunen, sogar der Multimedia-Wand des Times Square die Krankheit ins Bewusstsein der Menschen zerrt. Alles so schön bunt hier, könnte man meinen, wenn es nicht so traurig wär. Genau mit dieser Ambivalenz aber spielten „General Idea“ seit jeher. Legendär wurden ihre Schönheitswettbewerbe, bei denen weniger das Schöne als die Originalität im Umgang mit einem Rüschenkleid beurteilt wurde. Oder die Herausgabe ihres File-Magazins, das sich im Gewand des US-Zeitschrift Life versteckte und der „Queer“-Kultur eine glamouröse Note verlieh. „Nur das, was in den Medien vorkommt, ist Kunst“, lautete der Wahlspruch von „General Idea“.

Dass sie gleichzeitig für Kenner produzierten, zeigt die parallele Schau in der Galerie Esther Schipper. Dort wird eine der letzten gemeinsamen Ausstellungen von 1992 in einer New Yorker Galerie rekonstruiert. An der Decke hängen mit Heliumgas gefüllte silberne Ballons in Anspielung auf Andy Warhol, am Boden befindet sich ein Neonröhren-Bett, das das Werk von Dan Flavin ironisch zitiert. An der Wand hängt ein Bild, das die Drei in Ärztekitteln zeigt, wie sie sich gegenseitig reihum die Herztöne abhören. „Magi(c) Bullet“ lautet der Titel der Installation.

Für Zauberei war es jedoch da schon längst zu spät. Die beschönigende Darstellung der Gesichter von Partz und Zontal kaschierte das Leid der bereits schwer von der Krankheit gezeichneten Künstler. Die Hoffnung, den Humor hatte sich die Ausnahmegruppe bis zuletzt bewahrt.

Kunst-Werke Berlin, Auguststr. 69, bis 20. August; Di – So 12 – 19 Uhr, Do 12 – 21 Uhr. Galerie Esther Schipper, Linienstr. 85, Di - Sa 11 – 18 Uhr.

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