''Love Exposure'' : Das Jojo-Spiel

237 Minuten Exzess: Der Film "Love Exposure" oszilliert zwischen Kitsch und Avantgarde, Hochkultur und Trash, Comicstrip und tiefem Pathos.

Julian HanichD

Was für ein Film! Als Sion Sonos „Love Exposure“ im Februar das Forum der Berlinale eröffnete, rieb sich das Publikum die Augen – und mancher Zuschauer auch sein Sitzfleisch. 237 Minuten dauert der Film. Was sich auf der Leinwand abspielt, passt kaum in eine Inhaltsangabe. Der 47-jährige japanische Regisseur erzählt von der Amour fou der Teenager Yu und Yoko, von der skurrilen Beziehung von Yus Vater und Yokos Stiefmutter, von dysfunktionalen Familien und Jugendgangs, Katholizismus und wilden Sekten, Schuld und Sühne, Voyeurismus, Sadismus und Transvestismus. Die Pornoindustrie spielt – fast möchte man sagen natürlich – ebenfalls eine Rolle. Genauso wie Kindesmissbrauch und andere Unappetitlichkeiten. Und auch die obligatorischen Martial-Arts- und Gewaltmomente gibt es, in denen Blutfontänen die Wände in Action Paintings verwandeln.

Wie ein langer, unruhiger Fluss zieht dieser Vier-Stunden-Film vorüber. Er sprudelt los wie ein quicklebendiger Bergquell, der sich funkelnd und glasklar seinen Weg sucht. Allmählich schwillt er zu einem immer breiter werden Strom an, der allerhand entbehrliches Treibgut mitschwemmt. Zwischenzeitlich verläuft sich die Handlung auch mal in Seitenarmen, wo sie brackwasserartig zum Stillstand kommt. Doch dann taucht plötzlich wieder eine wilde Strömung auf und bringt die Geschichte wieder mitreißend in Fluss. Stilistisch greift Sono in die Trickkiste und kramt unter anderem dreifach geteilte Split-ScreenEinstellungen, extreme Weitwinkel-Nahaufnahmen, Voice-Over-Kommentare und Standbilder hervor. Dazu laufen sakrale Choräle und J-Pop. Laufend wechseln der Ton und die Stilebene: „Love Exposure“ oszilliert zwischen Kitsch und Avantgarde, Hochkultur und Trash, Comicstrip und tiefem Pathos.

Nehmen wir als Beispiel Sion Sonos herrlich perversen Humor: Yu und seine Gang fotografieren unerlaubt die Unterwäsche von High-School-Mädchen. Dafür verwenden sie Kameras, die sie wie ein Jojo unter die Röcke schleudern. Von solch bizarren Momenten wechselt Sono auf überbordend romantische Gefühle. Auf ihrem Geliebten Yu sitzend und aus einer radikalen Untersicht gefilmt, zitiert Yoko schreiend aus dem ersten Korinther-Brief – bis sie zur Passage vorstößt: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; am größten unter ihnen ist jedoch die Liebe.“ Darunter gelegt ist der wuchtig-erhabene zweite Satz aus Beethovens Siebter Symphonie.

Dieser wahnwitzige Balanceakt aus grandios und heillos übertrieben steht stellvertretend für den gesamten Film: Für den Zuschauer gibt es vor diesem Pathos jedenfalls kein Entkommen. Sion Sonos exzessiv-exzentrische Extravaganz wirkt manchmal sehr bemüht und dann doch wieder unglaublich behände. „Love Exposure“ ist kindisch, brutal, ergreifend, überladen und originell. Mit einem Wort: ungewöhnlich. Mit zwei Worten: sehr sehenswert. Julian Hanich

Babylon Mitte und Eiszeit (beide OmU)

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