Kultur : "Love Life": Ohne Liebe geht es nicht

Cordula Däuper

Die ganz normale Tristesse einer ganz normalen Ehe. Im Alltag gehen Aufmerksamkeit und Sensibilität für den Partner verloren, Finanzen und Selbstverwirklichung treten in den Mittelpunkt des Lebens. Das "Füreinander-da-Sein" wird zugunsten der eigenen Identitätssuche aufgegeben. Auf die Entfremdung folgt am Ende die Scheidung. Ist dieses traurige Spiel bloß ein zeitgenössisches Phänomen? Anscheinend nicht. Librettist Alan Jay Lerner (der mit seinem Libretto für "My Fair Lady" von 1956 weltbekannt wurde) beschreibt diesen trostlosen Zustand einer zerfallenden Ehe aus der Perspektive der vierziger Jahre in New York, wo "Love Life" mit der Musik von Kurt Weill 1948 am Broadway uraufgeführt wurde.

Lerner zeigt die Entwicklung des Zusammenlebens von Mann und Frau anhand einer fiktiven Zeitreise - innerhalb einer Unterhaltungsshow. Allein beim ersten Stopp der Reise, 1791, scheint die Welt noch in Ordnung, das Liebesglück greifbar zu sein. Später regieren lange Arbeitszeiten, Fernarbeit, Emanzipation und Untreue das Leben, bis man sich 1948 in einer Gameshow wiederfindet, die mit Zaubertricks und einer "Miss Esoterik" versucht, gescheiterte Ehen wieder zu kitten.

Ein nicht gerade fröhlicher Stoff, der in der Kürze der einzelnen Stationen nur oberflächlich und klischeehaft angekratzt wird: Klar, dass, sobald das Telefon erfunden ist, die Frau nur noch an der Strippe hängt.

Das "Modell"-Ehepaar Cooper wird von Absolventen des Studiengangs Musical/Show an der HdK verkörpert. Antje Rietz findet zwischen bieder-anschmiegsamer Gattin und auftrumpfender Powerfrau sehr menschliche Töne und Facetten. Ihre energische Stimme gehört zu den Höhepunkten des Abends - leider bietet das Stück ihr zu wenig Raum, um sich richtig zu entfalten. Darstellerisch wie stimmlich bleibt Detlef Leistenschneider als labiler Gatte deutlich hinter Rietz zurück. Auch die Gruppendarsteller, Studierende des 3. Jahrgangs, strotzen kaum vor Bühnenpräsenz - bekommen allerdings auch nicht gerade die allerbesten Vorlagen durch Rhys Martins Choreografie und Peter Kocks Regie. Diese reduziert sich auf die immer gleichen Gesten in ziemlich statischen Arrangements - das Musicalelement "Tanz" schrumpft somit auf Wechselschritte und eine einsame Step-Einlage.

Was diese "szenisch-konzertante Fassung" letztlich meint und will, bleibt das Geheimnis des Kleingedruckten auf dem Programmzettel. Stanley Walden, der sich die Erstaufführung des Stücks gewünscht hatte, steht selbst am Pult des Orchesters des Theater des Westens. Unter seinen großen Gesten tönt Kurt Weills Musik recht schmachtend und vollmundig: "Love Life" - das amerikanische Musical eines unverbesserlichen deutschen Romantikers?

Das Ergreifendste des Abends ist dann doch die Verabschiedung Stanley Waldens, der nach zehn Jahren im Amt des Studiengangleiters Musical/Show nun in den Ruhestand tritt. Wenn seine Eleven am Ende von ihm komponierte Songs vortragen, kann er sich kaum halten: Da zuckt der Turnschuh im Rhythmus, da schnipst er mit den Fingern. Der sympathische Vollblutmusiker strahlt, und jeder glaubt Peter Kock aufs Wort, wenn dieser ihn mit einer Träne im Knopfloch als "Herz und Kopf" des Studiengangs bezeichnet!

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