Love Parade : Besser wie Kirmes, Alter!

Die Essener finden die Love Parade richtig gut. Vielleicht ist sie dort einfach besser aufgehoben?

Ralf Niemczyk
Love Parade
Hier tanzt der Pott: Essen erfreut sich - vom hauptstädtischen Style-Diktat befreit - an der Loveparade. -Foto: dpa

Der Ort ist perfekt gewählt. Auf einer Fußgängerbrücke am zentralen Pferdemarkt gibt Rainer Schaller den großen Impressario. Unten bolzt gerade der Tieflader des „Optixx“-Magazins aus Bottrop über die sechsspurige Schützenbahn heran, während der glatzköpfige Fitnessketten-Unternehmer oben am Geländer gigantische Zahlen verkündet: „Einskommazweimillionen“ Menschen seien gekommen. Nach Essen. Zur neuen Love Parade. Seiner Love Parade. Wie ein ergriffener Feldherr lässt Schaller den Blick über die wogenden Massen in der Straßenschlucht schweifen. Zwar hatte der örtliche Feuerwehrchef in der Lokalpresse verkündet, dass die Stadt bereits ab 400 000 Besuchern „voll“ wäre, doch solche nüchternen Einschätzungen passen hier nicht ins Bild. Immerhin war das Schaller-Team bereits im Vorfeld zur „größten Love Parade aller Zeiten“ angetreten. Und dieses Superlativ-Gehuber wird nun mit Zahlen unterfüttert, die ohnehin niemand überprüfen kann. Gleich nebenan gibt der sichtlich ergriffene Essener Oberbürgermeister Wolfgang Reininger Interviews im Dauertakt. Standort-Marketing durch Techno.

Was in Berlin bis 2003 kontrovers-anarchisch gewachsen war, kommt nun als elektronischer Wanderzirkus daher. Wie ein schimmerndes Raumschiff steht die riesige „Love Plaza“-Bühne zwischen den Türmen der Universität und einer pittoresken Abbruch-Ruine. Wo in Berlin abseits der offiziellen Kundgebung ein munterer Wildwuchs von alternativen Klein- und Kleinstveranstaltungen herrschte, ist nun alles auf die Macher von auswärts ausgerichtet. Ein professionell abgewickeltes Programm, das unbehelligt von Tiergarten-Schützern oder Ätzkritik aus dem musikalischen Underground abgespult wird. Ein altersmilder, konsequent positiv denkender DJ Westbam übernimmt die Rolle des letzten Botschafters der Berliner Ur-Mannschaft. Während sich Dr. Motte und Kollegen schmollend bis Kopf schüttelnd zurück gezogen haben, war Westbam im Vorfeld überzeugt, mit dem Umzug an die Ruhr „Platz für etwas Neues“ zu schaffen. Die Kohlenpott-Teenager feiern ihn dafür als Gralshüter der Abschlusskundgebung. Und eine kunstgewerblich auftrommelnde Mini-Show der Blue Man Group deutet an, wohin sich das Programmspektrum entwickelt: Spektakel fürs Volk statt nervige Beschäftigung mit Innovationen aus der Nische.

Wenn es überhaupt neue Aspekte jener Paraden-Logik gab, die spätestens seit der Jahrtausendwende von Mexico City bis Zürich weitgehend ausgereizt ist, dann war es die freundliche Vereinnahmung durch die örtliche Kumpels-Mentalität. Bereits am Duisburger Hauptbahnhof begrüßen schwarz-gelbe Borussia-Fans auf dem Weg zum Heimspiel nach Dortmund einen eingefahrenen Love-Parade-Sonderzug mit umgetexteten Fußballgesängen: „Ihr seid Ra-ver, arbeitslose Ra-ver, ihr schlaft unter Brücken oder in der Bahn-hofs-mission...“, schallt es in Tribünen-Manier über die Gleise. Im Zug selbst kreisen munter die Alcopops-Flaschen, und hätte man es nicht besser gewusst, könnte auch ein zünftiges Rock-Festival oder die traditionelle Regional-Sause „Bochum Total“ Ziel des Aufmarsches sein.

Ein gutes Dutzend Bierkisten werden bei der Ankunft in Essen auf den Bahnsteig gewuchtet. Das praktische Fünf-Liter-Fass der Marke Staudter gerät zur Ikone des munteren Straßentreibens. Überhaupt findet die eigentliche Party abseits der offiziellen Routen statt. Da die Paradenstrecke in Richtung Nordviertel schon bald kaum noch zu erreichen ist, stehen bald Zehntausende einfach feucht-fröhlich in der Gegend herum. Etwa in der Kreuzeskirchstraße. Hier, zwischen Love Plaza und der Paradenstrecke, gibt es Bier in großen Plastikbechern, das aus dem „Knobelstübchen“ heraus verkauft wird. Nebenan sorgt der Metal- und Heavy-Rock-Plattenladen Wotan für Kontrastprogramm. Auch „Banneke Feinkost flüssig“ macht ein glänzendes Geschäft.

Beim Outfit gibt sich das Ruhrgebiet durchweg bodenständig. T-Shirt und Jeans sind der beherrschende Look, und derbe Hemd-Aufschriften wie „Brustvergrößerung durch Handauflegen“ sind weitaus häufiger anzutreffen als die dauerfotografierten Fetisch-Mädchen in Glitzer-BHs und Latex-Hot-Pants. Ansonsten hat die Loveparade der Metropole Ruhr kurzer Hand das aus Berlin importierten Styling adaptiert. Und sei es durch kecke Hawaii-Blütenketten in Plastik-Optik, die fliegende Händler massenhaft absetzen.

Als die durchgehend als „floats“ bezeichneten Love-Parade-Wagen gegen sechs Uhr abrollen, kommt man sich vor wie auf dem größten Junggesellen-Abschied der Welt. Aus der menschenleeren Disco „Fiasco“ am Pferdemarkt dröhnt Hardtrance-Geballer. Bei den Käsebretzel-Verkäufern herrscht Hochbetrieb. Alles ist glücklich, alles ist überdreht. Wodka-Flaschen kollern durch die Fußgängerzone Viehofer Straße. „Die freuen sich total“, so die Bilanz eines Produktmanagers der Berliner Plattenfirma Ministry of Sound, die 2007 die offizielle Paradenhymne „Love is Everywhere“ veröffentlicht haben. Das Ruhrgebiet als Jungbrunnen der Branche.

Ein wenig Nachdenklichkeit herrscht nur im gediegenen Sheraton-Hotel im Schatten der gläsernen Hochhäuser von RWE und Ruhrkohle. Hier sind die meisten DJs untergebracht, hier schlurfen Stars wie Mousse T oder Phil Fuldner durch die Lobby. Das Club-Konzept des „Love Weekend“ hatte am Freitagabend schwer Schiffbruch erlitten. Nur zwei der nächtlichen Clubveranstaltungen liefen kostendeckend. Statt für Westbam in der Weststadthalle Eintritt zu bezahlen, hielt sich das Partyvolk lieber an das Umsonst-und-Draußen-Angebot. „Und genau das ist das Problem“, sagt Ramin Köhn, der seit Jahren den etablierten Essener Underground-Club Hotel Shanghai betreibt. „Durch eine Parade, die im nächsten Jahr wieder weiterzieht, wird man nicht zum Kreativ- oder Medienstandort. Wenn Dortmund 2008 übernimmt, ist Essen längst vergessen.“

Köhn setzt ohnehin auf langfristigen Aufbau und reagiert eher pragmatisch abwartend auf die Marketing-Rhetorik der Metropole-Ruhr-Vermarkter. Über Begriffe wie „Clubkulturträger“, mit denen die Love-Parade-Gewaltigen die örtliche Szenerie zusammenfassen, kann er nur schmunzeln. „Mal abwarten“, sagt er, „ob die vielbeschworene Aufbruchstimmung auch wirklich in den Strukturen vor Ort ankommt.“ Davon ist man im Open-Air-Pressezentrum felsenfest überzeugt, wo Oberbürgermeister Reininger immer noch im grellen Licht der Kameras steht. Strippenzieher Dieter Gorny beschwört am Rande bereits den Geist von 2008, wenn mehr Vorbereitungszeit für die nächste Love Parade bleibt: „Das war jetzt ein kaum zu erwartender Auftakt-Erfolg“, sagt er. „Und in Dortmund wird sich dann verdeutlichen, dass mit dem Veranstaltungsort Ruhrgebiet auch ein inhaltlicher Wandel stattfindet.“

Am überfüllten Essener Hauptbahnhof strömen sie derweilen zurück nach Oberhausen, Witten oder Wattenscheid. „Das war besser als auf die Kirmes“, sagt ein Hawaii-Kettenträger zu seinem Fußball-Trikot-Kumpel auf Bahnsteig Eins. „Voll auf die Glocke, Alter“, antwortet er. Der Kommunikationsstandort Ruhrmetropole ist auf dem besten Weg.

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