Kultur : Love Parade: Jetzt geht die Party richtig los

Jost Kaiser

Die Propheten der Ekstase, die Prediger des Beats, die Herren über die zuckenden Körper scheinen ein Problem zu haben. Sie sind unendlich einsam, sie leiden unter entfremdeter Arbeit und sehnen sich nach ein bisschen menschlicher Wärme, nach ein bisschen Kontakt untereinander nach all den Jahren, in denen sie sich hinter ihren Turntables im kalt zuckenden Stroboskop-Licht die Füße platt gestanden haben: allein, immer nur allein inmitten zuckender Massen, möchte man denken, wenn man ihnen zuhört. "Jeder soll mit jedem reden. Das ist das Ziel. Und wenn man zwei Leute an einen Tisch setzt, dann passiert lange nichts. Aber irgendwann reden sie doch miteinander." So spricht nicht der autistisch veranlagte Bewohner einer Seniorenresidenz oder ein Teilnehmer des evangelischen Kirchentages. So redet Jeff Mills, weltbekannter DJ, Inhaber des Techno-Labels "Axis" und einer der Hauptacts auf der diesjährigen Love Parade.

Zum Thema Online Spezial: Love Parade
TED: Hat die Love Parade noch Kultcharakter? Willkommen auf dem Kongress "Musik und Maschine", der dieses Jahr zum zweiten Mal im Haus der Kulturen der Welt stattfindet. Es ist nicht weniger als der theoretische Über- oder Unterbau der Technokultur, den die Veranstalter - der "Tresor"-Betreiber Dimitri Hegemann und Jeff Mills - auf dem dreitägigen Kongress bieten wollen. "Die Intention des Kongresses ist es, eine Plattform zu bilden, die es Menschen aus den Bereichen elektronische Musik, Kommunikation, Medien und Unterhaltung ermöglicht, sich zu treffen, zu kommunizieren und über zukünftige Marktstrategien zu diskutieren." So hört sich das offiziell an. Inoffiziell klingt das eher so: "Der Kongress", sagt Hegemann, "ist ja irgendwie auch einfach nur Anlass, sich zu treffen und sich kennen zu lernen." Und vor allem um etwas zu tun, von dem man annahm, es sei Techno, der Musik der Sprachlosigkeit und der Sprachlosen eher fremd: reden, reden, reden. Und das auf Bootsfahrten und bei Kneipenabenden, vor allem aber in Seminaren und Workshops, die Titel tragen wie: "Internationale Dance-Clubs: Untergrund und Professionalität", "Optische Remixe und elektronische Musik in der Video-Kunst" oder: "Native Synthesis: von der Maschine zur Musik".

Möglicherweise ist es doch ein Erbe der lange Jahre mittels Düsenjet gleichen Dezibelwerten erzwungenen Sprachlosigkeit, dass sich die Rede der DJs, Promoter oder Journalisten oft kryptisch und bedeutungsschwanger dahinschleppt. "Die Leute sind hungrig, hungriger als wir es waren. Wir müssen die Ressourcen nutzen, von denen wir viel mehr haben als wir glauben", verkündet Jeff Mills im Workshop "International Dance Clubs". "Genau", pflichtet ihm DJ Tony Fondham aus Detroit bei, ein massiger schwarzer Glatzkopf mit schweren Silberklunkern an den Ohren. Der muss es schließlich wissen, ihm gehört das Label "Good looking records". Was mit "Ressourcen nutzen" gemeint ist, wird zunächst nicht ganz klar, und man ist dann doch überrascht, wenn man nachfragt und erfährt, dass die Männer der schwarzen Scheiben damit das meinen, was alle meinen, die so reden: Geld machen. "Warum", fragt Mills, "liefern wir den Leuten, die unser Label mögen, nicht auch Dinge jenseits von Platten und T-shirts?". Weil es auf diese Frage im Grunde keine befriedigende Antwort gibt, denkt Mills jetzt darüber nach, den Schriftzug seines Labels "Axis" mal auf ganz andere Sachen zu drucken: Fahrräder zum Beispiel.

Über der Veranstaltung liegt ein Geist, der mit dem Titel eines der Seminare am klarsten ausgedrückt wird: "Innovative Wege des Marketing." Dort steht ein Mann des Kongress-Sponsors "T-Mobile" und redet ohne Umwege gleich die Sprache des Marketing. Von "target groups" ist die Rede, von "youth marketing" und davon, dass die Telekom-Tochter sich bemüht, der jungen Klientel ein Gefühl des Verstandenwerdens zu vermitteln. T-Mobile liebt dich. Und zwar vornehmlich deshalb, weil die "target groups", die Zielgruppen der Dance-Music und des Telekommunikationskonzern im Wesentlichen dieselben sind. Da langweilt sich Marc Wohlrabe, Herausgeber des "Flyers", dann doch. Er geht. Schließlich gibt es draußen leckere Lassagne.

Im Kongresssaal K1 hingegen ist die Akademisierung der ehemaligen Körpermusik am weitesten fortgeschritten. Die drei Seminarleiter der Veranstaltung "Intellektuelles Eigentum - digitale Rechte" sehen nicht nur so aus wie Mitglieder der Jungen Liberalen, sie reden auch so, haben die gleiche elitäre Attitüde und beschäftigen sich mit den gleichen Dingen - der Jurisprudenz zum Beispiel. "Wie oft und lange kann ich aus einem Stück samplen, ohne dass ich die Urheberrechte des anderen verletze?", lautet die Themenstellung. Und wie ist das mit den Gebühren der GEMA ("Gesellschaft für Mechanische Aufführungsrechte")? Oder der Frage der "Linkhaftung"? "Zivilrechtlich ist da in der Rechtssprechung keine klare Linie zu erkennen", sagt der Rechtsanwalt Gunnar Berndorff, Spezialgebiet Copyright. Da wiegen die Clubbetreiber ihre gepiercten Köpfe.

Es weht ein Hauch von Jura-Seminar über der Veranstaltung. Aber vielleicht geht es der Techno-Bewegung auch nur wie dem Rest der bürgerlichen Gesellschaft: Ihre Geschichte ist die Geschichte einer Verrechtlichung. Als die Love Parade vor elf Jahren als versprengter Haufen von Musikenthusiasten über den Kudamm zog, war das Revolutionäre an ihr die unbedingte Herrschaft der Körper. Das Sinnfreie war der Sinn, die Ekstase das Ziel. Jetzt ist die Love Parade dort angekommen, wo alle Jugendkulturen enden: im Stadium der Verwaltung eines Erbes - und als Jobbeschaffer.

Zu so einem Berufsgruppen-Kongress gehört natürlich auch die Verleihung von Preisen an verdiente Aktivisten. Die Liste der Nominierungen für den "Musik-und-Maschine-Award" liest sich wie ein "Who is Who" der Technokultur. Um die Gunst, sich "bester Club" nennen zu dürfen, konkurrierten das Frankfurter "Robert Johnson", die "Fabric" in London, "Studio 672" in Köln und das Berliner "WMF". Als "Best DJ" waren unter anderem DJ Hell, Carl Craig, Dave Clarke und Superpitcher nominiert. Weiter vertreten: Sven Väth, Eddy Grant und Quarks ("Best Remix"), Fischerspooner, Technasia ("Best Newcomer"), Laurent Garnier und Funkstörung ("Best Video"). Einmal steht Dimitri Hegemann in einem Seminarraum und sagt: "Immer nur Feiern ist ja auch blöde." Dabei hatte man gedacht, der Leitsatz der Techno-"Bewegung" sei immer gewesen: "Alles außer Feiern ist blöde." Bei Techno-Urgestein Hegemann klingt das nun so, als sei der Spass inzwischen eher das Reden über Techno als die Love Parade selbst. Veteranengemurmel. Aber vielleicht geht es nur um etwas, das Hegemann - er ist Mitte vierzig - mühelos zu gelingen scheint: würdevolles Altern.

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