Kultur : Love Parade: Totentanz

Gunther von Hagens kommt auch zur Love Parade. Im schwarzen Anzug und mit Hut? Wir fürchten das Schlimmste: als Raver ist der Plastinator der "Körperwelten" ein Totalausfall. Wahrscheinlich ahnt er das. Darum bringt er gleich zehn Plastinate mit. Zehn Leichen auf der Love Parade. Keine Ahnung, wer die eingeladen hat. Aber irgendwie passen sie zur politischen Ur-Losung der Parade "Friede, Freude, Eierkuchen". Die klingt ja so offen für jedermann. Und bedeutet der Ausschluss von Toten nicht wirklich handfeste Diskriminierung? Bleibt nur eine Schwierigkeit. Eierkuchen. Für diese Zielgruppe? Streng genommen trifft nur "Friede" auf sie zu.

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TED: Hat die Love Parade noch Kultcharakter? Es gibt Menschen, die bezweifeln, dass "Friede" im klassischen Sinne auf der Love Parade zu finden sei. Ja, die Radikalen gehen noch weiter. Ernst Benda, früherer Verfassungsrichter, zum Beispiel. Friede im letztgültigen Sinne fänden wir ausschließlich auf den zweckdienlich nach ihm benannten Höfen. Weshalb Leichen erstens in Gräber, und zweitens eben auf Fried-Höfe, drittens aber keinesfalls in Wanderausstellungen noch auf die Love Parade gehören. Wahrscheinlich war Ernst Benda auch noch nie auf der Love Parade.

"Ja, ich werde tanzen!", hat Gunther von Hagens gesagt. Von den zehn Plastinaten weiß man das noch nicht so genau. Und nun werden wir mal praktisch. Wer von den Toten käme überhaupt in Frage? Der Schachspieler schon mal nicht. Zu kontemplativ. Die Scheibenplastinate? Es gibt ja auch welche mit Beinen. Allerdings sind sie nur 1cm dick. Einen Zentimenter dicke Raver auf der Love Parade? Nein, dann schon eher der Lassowerfer.

Und der Läufer! Vielleicht darf sogar die tote Schwangere mit, die im Februar Bus fuhr mitten durch Berlin? Immerhin muss von Hagens zehn Raver zusammenkriegen. In einer Spaßgesellschaft sollten alle das Recht haben, sich zu amüsieren. Auch die Leichen. Jeder, der nichts mehr zu lachen hat. Überhaupt könnte man die Menschenrechte um die Totenrechte erweitern. Also Spaß für alle!

Oder es steckt doch etwas anderes dahinter. Hat von Hagens einfach das Barock-Motiv vom "Totentanz" falsch verstanden? Oder es handelt sich um die natürliche Solidarität der Millionäre. Millionen kommen zur Love Parade, und genau dieser Tage erwartet von Hagens Totenschau in Berlin den einmillionsten Besucher. Da muss man doch zusammenhalten. Aber was sind schon Millionen? Andere wickeln Milliarden um den kleinen Finger, und Landowski ist trotzdem kein Raver.

Nein, es muss noch etwas anderes sein. Hat von Hagens es nicht selbst verraten? "Ich will Anregungen für künftige Plastinate sammeln!" - Was für ein Vanitas-Blick. In all der überbordenden Jugend schon die zukünftigen Leichen sehen.

Die Love Parade als riesiges Memento mori. Aber nein, genau diesen Blick hat Gunther von Hagens doch nicht. Er ist Handwerker, nicht Dichter. Ein zeitgenössischer Agent des Machbaren. Verlebendiger unserer Toten!

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