Kultur : Love Parade: Wir bauen eine Kathedrale aus Müll - Eine Expertenrunde im Gespräch

Herr Brock[heute werden eine Million Menschen dur]

Bazon Brock, Knud Kunze und Wolfgang Kaschuba kennen die Love Parade aus unterschiedlichen Perspektiven. Bazon Brock (64, links) ist Professor für Ästhetik an der Universität Wuppertal. Er hat bei Adorno studiert und Happenings mit Joseph Beuys, Friedensreich Hundertwasser und Nam June Paik veranstaltet. Knud Kunze (56, Mitte) war Bassist bei der Beatband "Lords" und als "Lord Knud" lange Jahre Radio-DJ-Star beim RIAS. Er lebt heute zurückgezogen in Berlin-Dahlem. Wolfgang Kaschuba (50) ist Professor für Europäische Ethnologie an der Berliner Humboldt-Universität und erforscht Alltagskulturen.



Herr Brock, heute werden eine Million Menschen durch den Berliner Tiergarten ziehen, viele davon nackt. Empfinden Sie das als ästhetische Zumutung?

BROCK: Nein. Ich freue mich über die Love Parade. Da hole ich nach, was ich aufgrund meines Geburtsjahrgangs nicht konnte: einmal einen Reichsparteitag zu erleben.

Wie oft waren Sie auf der Love Parade?

BROCK: Zweimal, 1998 und 1999. Ich habe das Experiment unternommen, mich selbst auch einmal in den Zustand einer schweren Besinnungslosigkeit zu begeben. Ich bin ein Selbstfesselungskünstler. Alle anderen machen Entfesselungskunststückchen, Kulturheroismus, Selbstverwirklichung. Das ist Leuten wie mir leider verboten, weil wir historisch wissen, wohin das geraten kann. Deshalb wollte ich rein in die Love Parade, vollkommen wegtreten in den Zustand der Entpersönlichung, nur noch Medium der kollektiven Raserei sein.

Und, hat es funktioniert?

BROCK: Leider nicht. Ich war gerade so am Rande drin, da knallt mir einer in einer exaltierten Bewegung vor mein kaputtes rechtes Knie. Damit war ich bewegungsunfähig und blieb zurück. Vielleicht war das auch eine Art herbeigesehnter Deaktivierung. Denn wenn man da rein gerät, weiß man, die Bestie ist entfesselt.

Herr Kunze, ist Ihnen das auch unheimlich: mit einer Masse zu verschmelzen?

KUNZE: Masse bin ich schon alleine.

Gibt es Parallelen zwischen der Beat-Generation und der DJ-Kultur?

KUNZE: Bei einer der ersten Paraden, noch am Kudamm und ohne Kameras, habe ich zu Dr. Motte gesagt: "Dieses Gefühl habe ich schon mal gehabt. Das war Woodstock." Wir dachten damals, Krieg ist abgeschafft und jetzt ist Friede, Freude, Eierkuchen, die Blumen blühen und alles ist wunderbar. Ich bin Hippie geblieben seitdem. Und das Phänomen Love Parade ist eigentlich mit einem Wort zu erklären: Es sind die Töne. Die Musik erzeugt die Begeisterung.

BROCK: Die Love Parade liefert einen legalen Vorwand, die Sau rauszulassen.

KUNZE: Stimmt genau.

BROCK: Das ist das säuische Behagen in der Kultur. Man möchte sich in Kultur suhlen.

KASCHUBA: Jetzt spielen Sie den Ethnologen. Sie exotisieren. Die da die Sau raus lassen, die machen das jede Woche, in kleineren Räumen. Es ist der Event-Charakter, der die Leute zur Love Parade zieht, und die Vorstellung, Teil einer Masse zu sein.

BROCK: Das ist die Entfesselung. Es führt eine Linie von den Reichsparteitagen ja auch nach Woodstock. Woodstock präsentierte einen Aktionstypus, der den Vietnam-Krieg kontern wollte beziehungsweise das Verhalten der Soldatenmassen, der Formationen. "Informare" heißt sich in eine Formation zu begeben. Man produziert eine Information, indem man sich verhält zu einer sozialen Formation.

Was ist die Information der Love Parade?

BROCK: Die Love Parade ist der größtmöglich wahrnehmbare Ausdruck für den sozialen Körper, der in diesem Fall durch die Lebenden zwischen 14 und 35 gebildet wird.

KASCHUBA: Herr Brock, Sie kollektivieren die Love Parade in unzulässiger Form. Ich finde es fatal, wenn man immer von diesem unsichtbaren Volkskörper redet, an dessen Fäden wir hängen. Wer nicht nur das Schema sehen will, der wird Praxen einer Jugendkultur finden, die sonst abgedrängt sind. Es gibt etwa den Typ des "Biberachers", einer, der aus der Provinz kommt. Seine Freizeit spielt sich am Rande der Stadt ab, in irgendeiner Disco, weil man da die andere Welt nicht stört. Bei der Love Parade ist er in der Hauptstadt und steht im Mittelpunkt der Welt. Zumindest erhofft er sich das, wenn er aufbricht. Da steckt Politik drin, die man entdecken kann, wenn man will.

Im Tiergarten darf die Love Parade nur stattfinden, weil sie als politische Demonstration gilt. Wie politisch ist die Love Parade?

BROCK: Es gibt in Deutschland keine andere Möglichkeit, dass sich der kollektive Körper als Medium des Politischen so manifestiert wie hier. Ich weiß nicht, wo sonst eine Million Menschen zusammen kommen. Im Augenblick ist das der höchste Ausdruck unseres politisches Selbstverständnisses.

Rainald Goetz hat über die Love Parade geschrieben: "Es wird nichts ausgeschlossen, außer dem Ausschluss." Jeder kann mitmachen, die ravende Gesellschaft ist eine Basisdemokratie.

KASCHUBBA: Das Politische an dieser Bewegung ist, dass ihr das Politische bestritten wird.

BROCKb: Es wird ja nicht bestritten. Die Politiker haben zu Recht beschlossen: Dies ist eine politische Demonstration des Selbstverständnisses der Spaßgesellschaft. In den dreißiger Jahren haben Leute wie Erik Charell eine neue Form der Unterhaltungsindustrie erschaffen: die Revue. Siegfried Kracauer hat 1928 in "Das Ornament der Masse" die ungeheure Parallelität herausgestellt von diesen Inszenierungen und dem, was auf Truppenübungsplätzen und bei Militärparaden geschah. Beides hatte übereinstimmende Muster: die Formation des Militärischen, Beine schmeißen in Synchronizität, große Bewegungen, die Figuren ergaben. Heute ist das Militär unsichtbar geworden. Die Frage ist: Was ist die Ebene der harten sozialen Facts, die von der Love Parade als heutiger Charell-Revue abgebildet wird?

Wir sind gespannt auf Ihre Antwort.

BROCK: Die Bewegung der Käufermassen durch die Warenangebote. Diese Ebene der militärisch-unternehmerischen Facts ist der Alltag des Konsumenten mit seiner Verpflichtung, zu konsumieren. Nur durch harte Konsumentenarbeit, Vernichtungsarbeit der produzierten Dinge, erfüllt sich die Voraussetzung für den Wirtschaftsprozess: Rein in die Welt, konsumieren, zerstören, aus der Welt rausbringen, vermüllen. Das Versprechen lautet: Ihr seid die Gegenseite zu dem hervorbringenden In-die-Welt-Stellen, ihr seid die großen schöpferischen Vernichter.

Der Müll ist unsere kulturelle Erlösung?

BROCK: Die Kathedrale des Mülls ermöglicht eine realistische Gottesverehrung. Wir haben in der Theologie eine historische Zeitperspektive gewonnen: Gott ist das Leben, Anfang und Ende. Erfahrbar wird das heute nur noch durch den strahlenden Müll. Historischer Horizont: 10 000 Jahre Halbwertzeit. Das ist nur zu bewältigen im Kathedralenbau. Also ist die Formierung des sozialen Körpers Love Parade ein Zug der schöpferischen Konsumenten, die die Wirtschaft erst ermöglichen. Durch Vermüllen. Und sie könnten direkt in die gotische Kathedrale hinein marschieren. Wie im Mittelalter: Nicht durch den Haupteingang, sondern seitlich hinein, mit Schweinen, mit Kühen, durch die Kathedrale durch, am Hauptaltar vorbei und am anderen Ende wieder hinaus. Der Zug dieser Menschen gibt uns eine Ewigkeitsgarantie, eine Zielorientierung - 10 000 Jahre alt zu werden. Natürlich sieht da jeder aus wie ein kleines soziales Atömchen. Die fügen sich dann zusammen zu Molekülen, Molekülgruppen sind ein Wagen, die Moleküle verketten sich. Die Love Parade ist Ausdruck für die Rolle der Menschen im Produktionsprozess: Vermüllungsarbeiter zu sein, Zerstörungsarbeiter, die alles Produzierte fragmentieren und zerlegen. Damit etwas Neues in die Welt gesetzt werden kann.

Vernichtung als Rausch?

BROCK: Der Rausch einer Erschöpfungslust. Ich nenne sie "Augiasmus" - in Anlehnung an die Viehställe des Augias, die in einem Kraftakt von Herkules ausgemistet wurden.

"Rave" heißt Toben.

BROCK: Früher ist für solche Anstrengungen im Kollektiven mit Sätzen wie "Denke nicht daran, was du für dich verlangen, sondern was du für die Gemeinschaft tun kannst" oder "Du bist nichts, dein Volk ist alles" geworben worden. Das fehlt heute. Die Love Parade ist ein Bild dafür, was wir Himmelsstürmendes tatsächlich leisten könnten, wenn der Volkskörper noch mal zu kollektiver Anstrengung fähig wäre.

Herr Kaschuba, braucht Berlin die Love Parade, um Bindungskräfte zu mobilisieren?

KASCHUBA: Berlin bekommt in diesen Tagen das Gefühl geschenkt, eine Stadt zu sein. Es sucht solche Klammern, und die Berliner Politik - so provinziell sie sich ansonsten gebärdet - hat zumindest ein Gespür dafür, dass ein Bedarf an symbolischen Qualifikationen des Ortes besteht.

BROCK: Wenn Körper im Spiel sind, kann es nicht mehr symbolisch sein.

KASCHUBA: Doch, denn die Love Parade konstituiert ein Bild dieses Ortes. Und ob sie bestehen bleibt, hängt wesentlich davon ab, ob sie eine eigene Mythologie entwickelt. Also ob sie sich selber für unverzichtbar erklärt, für einmalig und authentisch, ihre Geschichten und Veteranen pflegt.

Verdrängt die Love Parade das Schreckensbild der durch das Brandenburger Tor marschierenden SA?

BROCK: Das ist die Absicht. Der Welt wird signalisiert, dass die Deutschen nicht mehr in Knobelbechern marschieren, sondern die Avantgarde der Selbstentfesselung bilden.

KASCHUBA: Das ist ein ungeheurer kultureller Gewinn, weil er Selbstironie Raum gibt.

BROCK: Das ist richtig, so lange die Leute ihren Spaß haben. Aber der Spaß artet schnell in Arbeit aus.

KASCHUBA: "Weil es Spaß macht", ist eine legitime Antwort.

KUNZE: Was haben Sie gegen die Spaßgesellschaft?

BROCK: Überhaupt nichts. Ich hatte 55 Jahre meinen Spaß. Ich glaube nur, man verwendet diesen Begriff, um zu markieren, was bei einer ungeheuren Anstrengung heraus- kommt, nämlich nichts. Spaß ist die viel härtere Arbeit, als es die Pflicht je gewesen ist.

KASCHUBA: Es ist vollkommen unerheblich, ob ich jetzt mehr Schweiß vergieße als vorher. Entscheidend ist, mit welchen Gefühlen ich das tue.

KUNZE: Das Höchste ist für mich, mit Lebewesen zusammen zu sein, die einen nicht betrogen haben. Meine Geranien sind jetzt 45 Zentimeter hoch, und die Begonien haben sich zu riesigen Fächern ausgewachsen. Auf eigenem Kompost!

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