Kultur : LoveLetters: Liebster HA Schult!

Denise Dismer

Vor einigen Tagen las ich Ihre Postwurfsendung, und Sie baten mich um eine baldige Antwort (bis zum 20. August an: LoveLetters, Postfach 2100, 53089). Ich habe Sie als den Adressaten meines Liebesbriefes ausgewählt: So wird mir nicht nur die Ehre zukommen, dass mein Brief mit vielen anderen nachher Ihr Love-Letter-Building, das alte Postfuhramt in der Oranienburger Straße in Berlin, zieren darf. Nein, mein Beitrag wird mich mit Ihnen gleich in doppelter Hinsicht verbinden: Er ist auch eine Liebeserklärung an Sie, HA Schult, einen großen Aktionskünstler. Und an ein vergessenes Handwerk. Sie werden verstehen, dass es mir Mühe bereitet, eine Feder über das noch weiße Blatt zu führen, statt die Tastatur meines Computers zu bedienen. Meine Hand schmerzt bereits nach ein paar handgeschriebenen Zeilen, meinem vom SMS-en gestärktem Daumen ist die um den Stift geklammerte Position fremd. Auch scheint es mir gar so altertümlich, meine Gedanken auf dem Postweg auf die Reise zu schicken, ist die Zustellung per eMail doch nicht nur schneller, sondern auch billiger! Zum Glück ließ sich wenigstens das Briefpapier nach wohlbekannter Manier im Internet auswählen ( www.loveletters.de ). Ihre Partnerin, die Deutsche Post, stellt bei ihrer Schreib-Aktion auch Liebesbriefe großer Persönlichkeiten vor. Strohwitwer Wolfgang Amadeus Mozart schrieb beispielsweise an seine Frau Constanze: "Ich kann Dir meine Empfindung nicht erklären, es ist eine gewisse Leere". Der Komponist und ich befinden uns in dem gleichen Dilemma, denn auch ich fühle diese Leere! Zwar habe ich, wie Sie empfahlen, aus Ihrem mitgesandten Faltblatt ein Miniatur-Kunstwerk gebastelt - doch vermag dieses Pappgebilde, geschmückt mit Ihrem Antlitz, mich nur wenig zu inspirieren. Liebster Unbekannter, Ihre Idee, mich in Liebe zu einem mir entfernten Menschen zu erklären, ist nur schwer in die Tat umzusetzen. So logge ich mich erneut ins Internet ein, suche Anregungen in Napoleons Zeilen an seine Josephine. "Du bist so hässlich, so verdorben, so dumm, das reinste Aschenputtel." Liebster HA (und liebste Deutsche Post!), so beginnt doch kein Liebesbrief! Weiter unten lässt sich der Oberbefehlshaber der Italien-Armee gar zu einer Drohung hinreißen: "Nimm Dich in Acht, eines schönen Nachts wird die Tür aufgebrochen werden, und schon bin ich in Deinem Bett." Nein HA, die Herren Mozart und Napoleon können mir kaum weiterhelfen. Der eine drückt nur sein eigenes Unvermögen aus, der andere ist gar zu vorschnell! Wo es doch unsere gemeinsame Liebe erst zu entdecken gilt!

Liebster HA, Sie bleiben mir fremd - trotz der zärtlichen Gedanken, die ich seit Stunden für Sie hege, trotz der Zeilen, die nun schon aufs Papier geflossen sind. Und trotz des Zitterns, das meinen Körper überläuft bei dem Gedanken, dieses Schreiben nun in ein Kuvert zu stecken und zur Post zu tragen - meine Worte werden sich in Ihr Herz einbrennen, diese Gewissheit ist es, die mich erschaudern lässt. Werden Sie mich lieben oder hassen? Ich weiß es nicht, doch werde ich keinen Einfluss mehr darauf haben, sobald dieser Brief im Postschlitz verschwunden ist. Seit langem durfte ich dieses angstvolle und zugleich wohlige Kribbeln nicht mehr spüren, erst Sie wussten es wieder in mir zu erwecken.

Nun kann auch ich die drei süßen Worte niederschreiben, in tiefster Dankbarkeit: Ich liebe Sie!

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